Fahren auf dem grossen Ritzel - Erlebnisberichte, Tourenplaner und Höhenprofile für Nordschwarzwald
Berichte von der schönsten Nebensache der Welt - Live-Erlebnisse beim Fußball
31. Spieltag 2008/2009 (BVB - KSC) 09.05.09
Am Samstag, den 09.05.09 stand am 31. Spieltag die Begegnung Dortmund – Karlsruhe auf dem Spielplan. Auf dem Papier
eigentlich ein ganz normales Fußball-Spiel. Aber eben nur auf dem Papier. Für mich war es, abgesehen vom
historischen Derbysieg 2007 und dem Pokalfinale 2008 das geilste Spiel, welches ich bisher in unserem Tempel erleben durfte.
Und daher gibt’s jetzt auch nen Bericht dazu: Der Tag begann bereits um 6:30 Uhr. Nach gerade mal 2 Stunden Schlaf brauchte
ich eine Weile um richtig wach zu werden. Aber die Vorfreude auf das Spiel half mir dann doch die Müdigkeit zu
besiegen.
Um 7:00 Uhr holte mich ein Geschäftskollege und KSC-Fan ab und wir fuhren nach Wiesental. Dort wurde noch kurz dem
Bäcker ein Besuch abgestattet. Um kurz nach 8:00 Uhr saßen wir dann in einem von den Wagbach-Borussen
organisierten Doppeldecker-Bus und machten uns auf den Weg nach Dortmund. Obwohl der Bus je zur Hälfte mit KSC-Fans
und Borussen besetzt war und für beide Vereine viel auf dem Spiel stand (Dortmund kämpfte um die internationale
Teilnahme im nächsten Jahr, Karlsruhe gegen den Abstieg) war die Stimmung die ganze Fahrt über völlig
friedlich und ausgelassen. Im unteren Teil des Busses gab es sogar eine kleine Bar mit eigener Bedienung. So wurde bereits
auf der Fahrt das ein oder andere Bier geleert.
Auf einem Rastplatz wurden wir von einigen anderen KSC-Fans mit dem alt bekannten „Ihr seid Ruhrpott-Kanacken“
begrüßt. Wir antworteten so, wie es Borussen seit jeher tun. „Wir sind Ruhrpott-Kanacken, Ruhrpott-Kanacken,
ja wir sind Ruhrpott-Kanacken“ schallte es aus dem Bus. Damit war das auch geklärt und es konnte weitergehen. Bereits
um 13:00 Uhr erreichten wir das Westfalenstadion, den Tempel, das größte seiner Art in Deutschland und mit der
größten zusammenhängenden Stehplatz-Tribüne Europas versehen.
Am Tennisheim trafen wir uns noch mit anderen Borussen, ehe wir uns auf den Weg machten. Die Karlsruher hatten fast
ausnahmslos Gästekarten im Stehplatz-Bereich. Wir hatten wieder einmal das Glück, auf der Südtribüne
stehen zu dürfen. Der erste Jubel brach aus, als Norbert Dickel den Halbzeitstand der Amateure verkündete: 2:0
im Spitzenspiel gegen Köln. Der Aufstieg wird somit immer wahrscheinlicher. Ca. 1 Stunde vor Spielbeginn dann das
übliche Bild. Das Stadion war insgesamt noch fast leer, der Gästebereich füllte sich langsam und die
Süd-Tribüne war fast schon voll! Wir standen im unteren Teil im Block 11. Ich blickte mich nach oben um und
starrte auf diese nicht enden wollende Masse aus Borussen-Fans. Und da war es wieder, dieses unbeschreibliche Gefühl,
das man so schwer in Worte fassen kann. Man steht da, blickt in dieses Meer aus schwarz und gelb und es breitet sich diese
wohlige Gefühl in der Magengegend aus: „Ja, hier bin ich zuhause“, denkt man sich unwillkürlich. Boris Becker
würde wohl sagen: „Es ist mein Wohnzimmer“
Kurz vor Spielbeginn: Die Borussen-Mannschaft schwört sich auf das Spiel ein. Im Hintergrund der gut gefüllte KSC-Fanblock.
Kurze Zeit später ging es dann richtig los. Zunächst betraten wie üblich die Gästespieler den Rasen und
wurden mit einem netten Pfeifkonzert begrüßt. Dann kam Roman Weidenfeller und unser Torwart-Trainer Teddy de
Beer. Beide wurden, wie anschließend einige Feldspieler mit eigenen Gesängen bedacht. Schön, dass sich
dieses Ritual scheinbar wieder etabliert hat. Um 15:30 Uhr dann pünktlich der Anpfiff.
Ich weiß nicht, ob es an den 6 Siegen in Folge lag, oder ob die Borussia wirklich von Beginn an den Ton angab, aber
ich hatte bereits nach wenigen Minuten das Gefühl, hier konnte nichts schief gehen. Auch auf der Tribüne konnte
man die neu erwachte Lust auf die Borussia nicht nur spüren, sondern auch hören.
So erreichte bereits zu Beginn der Lautstärkepegel ungeahnte Ausmaße. Und dies lag wohl nicht nur an der zuletzt
gezeigten Siegesserie. Vielmehr hatte die Borussia uns dieses Jahr alles gezeigt, was man sich von seinem Fußball-Verein
wünscht. In jedem Spiel bedingungsloser Kampf, gepaart mit spielerischer Raffinesse und das Gefühl, dass
jeder Spieler endlich kapiert hatte, was es bedeutet das Wappen dieses Vereins auf der Brust zu tragen. Das einzige was
fehlte, war das Sahnehäubchen. Genau dies sollte heute folgen.
Man hätte eigentlich vermuten können, dass der KSC von der ersten Minute an versuchen würde, Dortmund den
Schneid abzukaufen. Wenn die Qualität fehlt, kann man schließlich nur noch mit Einsatz dagegenhalten. Aber dazu
kam es nicht. Der BVB wirkte von Beginn an hochkonzentriert und immer einen Schritt voraus. Karlsruhe lauerte auf Konter
und hatte in der ersten Viertelstunde immerhin 2 halbe Chancen zu verbuchen. Dortmund dagegen scheiterte zweimal knapp
durch Valdez, einmal konnte er dabei nur durch ein elfmeterreifes Eingreifen am Tor gehindert werden. Dies war für
den Schiedsrichter aber kaum zu erkennen. Außerdem verfehlte Hajnal nach schöner Vorarbeit von Kuba nur knapp
das Gehäuse seines ehemaligen Mannschaftskollegen.
In der 25. Minute war es dann aber soweit. Eine schöne Kombination über Kehl und Frei schloss Kuba mit einem
fulminanten Volleyschuss in den Winkel unhaltbar ab. Kuba, ausgerechnet Kuba, der durch viele Verletzungen gebeutelt in der
Rückrunde vielleicht der einzige war, der unter Form spielte. Wenn jetzt auch er noch aufdreht, konnte uns eigentlich
keiner mehr stoppen. Die Heimfans von Hannover, Berlin, Bochum und Frankfurt durften es in den letzten Wochen bereits erfahren,
als jeweils über 10.000 Borussen ihre Stadien eroberten. Jetzt hallte es auch über den
Rasen des Westfalenstadions: „Der BVB, Der BVB, der BVB ist wieder da!“.
In der Folgezeit war Dortmund zwar spielerisch überlegen, konnte sich aber keine weiteren Chancen erarbeiten. Kurz vor
der Halbzeit dann der Schock. Nach einer Kerze von Kehl im Strafraum, kam Weidenfeller nicht entschlossen genug heraus und
Santana und Kennedy behinderten sich beim Kopfballduell gegenseitig. Letzterer traf den Ball dann aber mit der Hacke und
plötzlich kullerte er an den Pfosten und von dort in die Arme des glücklichen Borussen-Schlußmannes. Da
wäre es fast gewesen, das berühmte Tor aus dem Nichts. Ich glaube noch vor einem Jahr wäre so ein Ding drin
gewesen. Aber mittlerweile hatten wir uns eben auch das nötige Glück erarbeitet. Dortmund wurde durch diesen
Pfostentreffer aufgeweckt und hatte durch Subotic und Owomoyela noch mal zwei gute Chancen. Mit 1:0 ging es schließlich
in die Halbzeit.
Wir hatten bislang ein tolles Spiel gesehen und eine tolle Stimmung erlebt. Einziger Wehrmutstropfen waren die Ergebnisse
auf den anderen Plätzen. Zu Beginn der zweiten Halbzeit dann erneut eine starke Borussia. Man ließ die Badener
nun kommen, hatte aber keine Mühe die Angriffe abzufangen. Auf der anderen Seite setzte man durch schnell vorgetragene
Angriffe immer wieder Nadelstiche. In der 62. Minute dann der Lohn. Sahin schnappte sich bei einem Freistoß aus
halbrechter Position den Ball und zirkelte ihn über die Mauer zum 2:0 in die Maschen. Ein Tor bei dem KSC-Torhüter
Miller nicht ganz glücklich aussah. Aber wen interessierte das auf den Tribünen. Zum wiederholten Male wurde das
Stadion aufgefordert sich zu erheben, und die meisten kamen dem Wunsch der Südtribüne nach. BVB-BVB
Wechselgesänge hallten durchs Stadion, der Europapokal wurde besungen und dem ungeliebten Nachbar aus der verbotenen
Stadt verbal mitgeteilt, wer die Nr.1 im Pott ist.
Während ich in manch anderen Spielen zeitweise vor lauter Anspannung nicht fähig war, die Mannschaft zu supporten,
war es diesmal anders. Hier würde nichts mehr schief gehen. Jetzt konnte man die Jungs auf dem Rasen endlich einmal
ausgiebig feiern. Keine 10 Minuten später sorgte Santana völlig unbedrängt per Kopf nach einem Sahin-Eckball
für die nächste Ekstase auf den Rängen. Nun schwappte sogar die La Ola Welle durchs weite Rund. Dortmund
feierte die eigene Mannschaft mit stehenden Ovationen und „Oh wie ist das schön“ - Sprechchöre füllten das
Stadion. Für den krönenden Abschluß sorgte dann Alex Frei. Einen Zuckerpass des eingewechselten Boateng
versenkte er gekonnt und diesmal unhaltbar für Miller im rechten Eck. 4:0, Party pur auf den Rängen, und dies
schon lange nicht mehr nur auf der Südtribüne.
Glücklicherweise verkniff man es sich das ganze Spiel über, irgendwelche Anti-KSC-Gesänge anzustimmen. Kein
„Schade Karlsruhe, alles ist vorbei“, kein „Nie mehr, erste Liga, nie mehr, nie mehr“. Den eigenen Verein absteigen zu sehen,
ist sicherlich das schlimmste was einem Fußballfan passieren kann. Das wünsche ich wirklich keinem. Auch wenn der
KSC nach diesem Spieltag rechnerisch noch lange nicht abgestiegen war, so machte sich beim mitgereisten Anhang trotzdem
langsam eine Gewissheit breit: Dieses Stadion würde man nächstes Jahr nicht mehr zu sehen bekommen und stattdessen
wohl wieder mit Augsburg und Koblenz Vorlieb nehmen müssen. Nach dem Schlusspfiff bedankte sich die Mannschaft bei
allen Tribünen und ließ sich vor der Süd noch einmal mit der ureigenen Dortumder Humba Version zur Melodie
von „Ein Wagen vor mir..“ kräftig feiern. „Ballspielverein Borussia aus Dortmund. Wir folgen dir egal wohin es geht,
auch in ganz schweren Zeiten werden wir dich stets begleiten, Borussia wir sind immer für dich da, Shalalala,
shalalalala“ – hallte es durchs Stadion und die Südtribüne hüpfte!
Fußball wie man ihn sich vorstellt. Ausgelassene Stimmung auf der Südtribüne und eine feiernde Borussen-Mannschaft.
Nach dem Spiel traf man sich erneut am Tennisheim und versuchte den Spagat zwischen Feiern und Aufmuntern der Karlsruher
Fans irgendwie hinzubekommen, was uns aber einigermaßen gelang. Auf der Rückfahrt ging dann die Party richtig
los. Unsere Bedienung, die uns auf der Hinfahrt ob ihres pedantischen Auftretens und dem ständigen Versuch ihre
Arbeitsfläche strikt freizuhalten noch den Nerv geraubt hatte, sorgte nun nur noch für Belustigung. Aber nicht
dass mich nun einer falsch versteht. Ich kann mir schöneres Vorstellen, als eine Horde Fußballfans über
Stunden hinweg zu bedienen. Dabei zuzusehen, wie der steigende Alkoholkonsum dafür sorgt, dass das Verhältnis
zwischen getrunkenem und ausgekipptem Bier sich allmählich in die falsche Richtung bewegt, macht die Sache nicht
einfacher. Daher Daumen hoch für unsere Bedienung die das alles mit Ruhe und Gelassenheit meisterte. Wir sorgten aber
auch dafür, dass die Sache nicht zu sehr ausartete und hielten den Bus einigermaßen sauber.
Gegen Ende unserer Tour ging es dann auch mit der Stimme langsam in den Keller. Unzählige BVB-Sprechchöre drohten
langsam Spuren zu hinterlassen. Nicht in den Keller dafür zur Neige ging es mit den Alkohol-Reserven im Bus. Mit den
letzten verbliebenen Resten wurden eigenartige Cocktail-Kombinationen entwickelt und mit „Schere-Stein-Papier-Battles“ an
den Mann gebracht. Um kurz vor 23:00 Uhr erreichten wir schließlich wieder Wiesental. Während die anderen
Borussen sich noch Gedanken machten, wo man die Nacht standesgemäß ausklingen lassen konnte, musste ich meinen
Zug nach Karlsruhe erwischen. Kurz nach Mitternacht sank ich müde aber nach wie vor mit einem Lächeln auf den
Lippen und BVB-Gesängen im Ohr ins Bett.
Eine wunderschöne Tour lag hinter mir. Dortmund hatte mit dem 4:0 den höchsten Heimsieg seit dem 6:1 gegen Arminia
Bielefeld im Dezember 2007 errungen. Ganz nebenbei wurde mit dem siebten Sieg in Folge auch noch ein neuer Vereinsrekord
aufgestellt. Die Südtribüne wurde endlich wieder ihrem legendären Ruf gerecht und präsentierte sich als
gelbe Wand! Da am nächsten Tag auch noch der HSV sein Derby gegen Bremen verlor, stand der BVB zudem endlich da, wo er
nach Meinung aller auch hingehörte, auf Platz 5! Daher wuchs die Hoffnung, dass man im nächsten Jahr auch wieder
in Europa zeigen dürfte, wer die besten Fans der Liga stellt. Ich habe zwar an diesem Tag keinen Oskar gewonnen, aber
immerhin ne Menge Spaß gehabt, daher eine kurze Dankesrede:
Mein Dank gilt zunächst den Wagbach-Borussen für die geile Stimmung im Bus, und insbesondere an Ötzi für
die Organisation der Tour. Ein Dankeschön geht auch an die KSC-Fans im Bus, die gezeigt haben, dass Fußballfans
trotz aller Rivalität und der Bedeutung des Spiels gemeinsam feiern können. Zu guter Letzt natürlich Danke
an die Mannschaft, Danke an Nuri Sahin, der nun schon wiederholt gezeigt hat, warum ihn Arsene Wenger als größtes
europäisches Jungtalent geadelt hat. Danke an Neven Subotic und Felipe Santana die zusammen mit dem Rest des Teams
dafür gesorgt haben, dass aus der Schießbude der Liga die zweitstärkste Abwehr wurde. Und Danke an Nelson
Valdez für seinen immerwährenden Kampf und an Alex Frei für seine Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, und
Danke natürlich auch dem Rest des Teams.
Und ein ganz besonderes Dankeschön an Jürgen Klopp, der es geschafft hat, aus einer Ansammlung talentierter
Spieler eine Mannschaft zu formen, die einfach nur Spaß macht. Wie schrieb doch gleich das größte deutsche
Fachmagazin vor kurzem: Eine Mannschaft, die prallen Einsatz zeigt und immer häufiger eine bunte Schleife fußballerischer
Feinheiten um ihr Paket aller konzeptionellen und konditionellen Anstrengungen bindet. Eine Mannschaft, die auch ohne
Superstars Spiele abliefert, die als Reklamemuster für den deutschen Ligafußball taugen.
In diesem Sinne - Nur der BVB, Unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz.
Edit, Samstag, 23.05.09, 17:20: Wieder einmal musste ich feststellen, dass es keinen Fußballgott gibt. Durch ein Tor
in letzter Minute schnappte der HSV dem BVB noch den 5. Platz und damit die Teilnahme am internationalen Wettbewerb vor der
Nase weg. In Momenten wie diesem fragt man sich, warum man nicht "normal" sein kann und sich nicht wie Millionen anderer
Menschen kaum für Fußball interessiert. Aber dann scrolle ich nach unten, lese mir zum x-ten mal den Bericht vom DFB-Pokal-
Finale durch und dann weiß ich es wieder, Dortmund ist einfach geil!
DFB-Pokal Finale Berlin (BVB - Bayern München) 19.04.08
Freitagabend um 17:00 Uhr war es soweit. Mit zwei großen aufblasbaren Bananen, einen selbst gebastelten DFB-Pokal und
diversen anderen Fanutensilien machte ich mich auf nach Dortmund. In Bruchsal nahm ich noch Ötzi und Daniel vom
Fanclub Wagbach-Borussen mit, die ich noch vom vorletzten Derby kannte. Da Ötzis Mutter in Dortmund wohnt, war auch die
Unterkunft gesichert. Um kurz nach 20:30 Uhr kamen wir in Dortmund an und philosophierten noch bis kurz nach Mitternacht mit
der ganzen Familie über bisherige Erlebnisse und unsere Chancen den Pott in den Pott zu holen.
Ein paar Stunden später, um 4:30 Uhr klingelte bereits wieder der Wecker, unsere Mission konnte beginnen. Ein kurzes
Frühstück und auf mit der S-Bahn Richtung Hauptbahnhof. Der Sonderzug der Fanabteilung sollte eigentlich um 7:00
Uhr starten, hatte aber wie so oft bei der Bahn 20 min Verspätung.
Rund 1000 Borussen warten auf einen der vielen Sonderzüge nach Berlin.
Die Fahrt verlief dann ziemlich unspektakulär. Ein kurzer Besuch im Sambawagen, ein paar gemütliche
Frühstücksbierchen und viele Gespräche über das bevorstehende Finale. Um kurz nach 12:00 Uhr erreichten
wir dann Berlin. Bereits der Hauptbahnhof war fest in schwarz-gelber Hand. Ein Bild das sich den ganzen Tag über nicht
ändern sollte. Ob Kuhdamm, Gedächtniskirche oder Fanmeile, schwarz-gelb wohin man schaute. Nur vereinzelt traf
man Bayern-Fans. Ich hatte ja nicht wirklich damit gerechnet, dass viele Bayern-Fans ohne Karte anreisen würden. Da
dies von etlichen BVB-Fans geplant war, wurde mit einer gewissen Übermacht in der Stadt auch durchaus gerechnet. Aber
ich frage mich schon, wo sich die 20.000 Bayern-Fans, die Karten für das Spiel hatten, tagsüber aufgehalten haben.
Stadtmitte Berlin, fest in schwarz-gelber Hand.
So verbrachten wir dann die nächsten 3-4 Stunden in der Dortmunder Innenstadt. An einer Pommes-Bude bei der ne
Curry-Wurst mit Pommes 6,50 Euro kostete, trafen wir dann Waldemar Hartmann, der natürlich sofort für ein Foto
herangezogen wurde.
Waldi, der Pokal und Ich.
Gegen 15:30 Uhr machten wir uns dann auf den Weg Richtung Stadion.
Die Wagbach-Borussen und Ich vor dem Olympiastadion in Berlin.
Dort erlebten wir dann die erste negative Überraschung. Etliche Dortmund-Fans hatten sich ja bereits im Vorfeld mit
aufblasbaren Bananen von Chiquita oder Onkel Tuca eingedeckt. Die hatten bereits 1989, beim letzten Triumph im DFB-Pokal
den Weg ins Stadion gefunden und galten so als gutes Omen. Wer am Tag des Endspiels noch keine hatte, wurde dann von
Chiquita selbst versorgt. Angeblich wurden über 15.000 Bananen (allerdings die kleine Ausführung) verteilt. Doch aus
mir nicht ersichtlichen Gründen, hatte der DFB für Bananen nichts übrig und so wanderten diese allesamt in die
Mülltonne, oder man durfte das Stadion nicht betreten. Besonders ärgerlich, für diejenigen, die noch ihre
Original-Bananen von 89 dabei hatten. Richtig ärgerlich wurde es aber, als ne halbe Stunde später wieder etliche
Fans mit Bananen das Stadion betraten. Das Verbot war inzwischen wieder aufgehoben.
Die Laune wurde aber schlagartig besser, als wir im Stadion Norbert 'jeder kennt ihn, den Held von Berlin' Dickel trafen.
Den Spieler, der sich vor 19 Jahren im DFB-Pokalendspiel gegen Bremen kurz nach einer Knorpelverletzung gegen den ärztlichen
Rat fitspritzen ließ, 2 Tore erzielte und dies mit der Sportinvalidität bezahlte. Der jetzige Stadionsprecher des BVB
musste natürlich auch mit dem Pokal fotografiert werden.
'Der Held von Berlin' – Norbert Dickel im Innenraum des Olympiastadions mit unserem Pott!
Danach nahmen wir unsere Plätze ein. Die Wagbach-Borussen hatten Plätze im Unterrang, ich im Oberrang, jeweils
rechts vom Marathon-Tor. Noch während das Damen-Finale lief füllte sich ganz gemächlich der Dortmunder Block,
von Bayern nach wie vor nicht viel zu sehen. Saarbrücken ging zwar im Finale als noch krasserer Außenseiter als
wir mit 1:0 in Führung, kassierte aber bis zum Schluss noch 5 Tore. Respekt aber an die Anhänger aus Saarbrücken,
die einen klasse Support ablieferten und Frankfurt klar in den Schatten stellte. Obwohl man da eigentlich eh nicht von
Support sprechen kann, wenn die Hälfte der Fans das Spiel im Sitzen beobachtet.
Das Vorspiel war also vorüber, die Anspannung wuchs nun von Minute zu Minute. Ich drehte mich immer mal wieder um,
und schaute wer da sonst noch so in meinem Block stand. Waren die auch bereit, alles zu geben? Die Karten wurden zwar fast
ausschließlich an Mitglieder und Dauerkarteninhaber verlost, aber nicht jeder der ne Dauerkarte hat oder Mitglied ist,
will während eines Fußballspiels 90 min singen. Das muss man leider auch des Öfteren auf der Südtribüne
unseres Tempels feststellen. Doch an diesem Tag waren die Zweifel unberechtigt. Ca. 1 Stunde vor dem Spiel wurde auch der
letzte heiß gemacht. Zu den Klängen von '50.000 Borussen an der Spree' betrat Norbert Dickel das Spielfeld,
heizte die Fans noch mal an und zelebrierte die Mannschaftsaufstellung. Kurze Zeit später betraten die ersten Spieler
zum Warmmachen den Platz. Und spätestens hier begann der Dauer-Support.
Die Dortmunder Kurve am Marathon-Tor.
Dann der Anpfiff. Direkt danach der erste Wechselgesang. Hier erwies sich die Kurve am Marathon-Tor sogar als Vorteil.
Durch die klare Trennung der beiden Blöcke hallte ein unglaublich intensives BVB – BVB durchs Stadion. Zu Beginn
wirkten die Dortmunder noch nervös und brachten nach vorne nicht viel zu Stande. Dafür stimmte diesmal der Einsatz
von der ersten Minute an. Doch Bayern spielte, wie man sie kennt, direkt die erste Chance wurde durch Toni zum 1:0 genutzt.
Ein Schock für den Dortmunder Anhang. Doch noch bevor das Spiel wieder angepfiffen wurde, halten bereits wieder
BVB-Sprechchöre durchs Olympiastadion. In der Folgezeit konnte sich keiner der beiden Mannschaften entscheidende
Vorteile verschaffen. Dafür gingen die Dortmund-Fans auf den Rängen immer deutlicher in Führung. Zwischen
der 20 und 40 Minute wurde ausschließlich und ohne Pause 'Ole Ole Ole, nur der BVB, unser ganzes Leben, unser ganzer
Stolz' gesungen! Die BVB-Profis stachelte das wohl zusätzlich an. So mussten die Bayern noch vor der Pause einige
brenzlige Situationen überstehen. Trotzdem blieb es beim knappen Rückstand zur Pause.
Kurz vor Ende der Halbzeitpause, sprach mich mein Nebenmann an: 'Eigentlich müssten wir die ganze Pause durchsingen.
Wenn die Spieler aus dem Tunnel zurück aufs Spielfeld kommen, müssen die sofort wissen, dass wir weiter an sie
glauben. Ich stimm jetzt ‚Nur der BVB an’. Bist du dabei?' Klar bin ich dabei. Noch schnell einen Dritten BVB-Fan ins Boot
geholt und dann sangen wir ‚Nur der BVB’ so laut wir konnten. Nach ner knappen Minute wurden wir schon wieder etwas leiser
weil keiner mitsang. Doch dann schalteten sich ein paar Reihen unter uns weitere Fans ein. Sofort gaben wir noch mal alles
und kurze Zeit später griff der Gesang auf die andere Seite des Marathon-Tors über und schließlich sang
der gesamte Block! Diese eine Szene sagt eigentlich alles über den Support-Willen der Dortmunder an diesem Tag aus.
Wenn es drei Fans schaffen, in der Halbzeitpause ohne Megaphon 20.000 zum Singen zu bringen, dann gibt es schlichtweg
keine Steigerung mehr.
Direkt nach der Halbzeitpause musste die Borussia zunächst noch einmal eine heikle Szene überstehen, als Kuba
einen Kopfball Kloses auf der Linie klärte. Danach bekam man das Spiel aber immer besser in den Griff und erspielte
sich einige Torchancen. Von Bayern war in dieser Phase nichts mehr zu sehen. Etwa Mitte der zweiten Halbzeit kam dann
erstmals in mir der Gedanke hoch, wir könnten dieses Spiel verlieren. OK, dachte ich, damit mussten wir rechnen.
Aber wenn wir hier verlieren, dann will ich wenigstens ein Tor von uns sehen. Ich will hier einmal jubeln können,
ich will dass dieser Block mit 20.000 verrückten Borussen einmal so richtig abgehen darf. Doch bevor dies geschah,
musste man in den letzten 15 Minuten noch mal mächtig zittern. Der BVB machte immer weiter auf und so kamen die Bayern
zu einigen guten Chancen.
Dann jedoch der Moment, den ich wohl nie in meinem Leben vergessen werde. Die 92. Minute. Im Strafraum gegenüber
unserer Kurve kann Bayern einen Eckball nicht entscheidend klären. Petric kommt an den Ball und plötzlich zappelt
er im Netz. Was sich danach im Dortmunder Block abspielte, ist mit Worten nicht annähernd wiederzugeben.
Unbeschreiblicher Jubel, kollektives Ausrasten, ungezügelte Ekstase in seiner reinsten Form. Wildfremde Menschen
lagen sich in den Armen und zwar buchstäblich. Ich konnte nicht mehr stehen. Mit erhobenen Armen sank ich nieder und
lag über anderthalb Sitzreihen verteilt in einem Meer von schwarz-gelb, ehe mich ein anderer Borussen-Fan hochzog
und umarmte. In diesem Moment schien sich die ganze Anspannung der letzten Minuten, die katastrophalen Spiele der letzten
Woche und die vielen Enttäuschungen der letzten Jahre in einer Sekunde zu entladen, eine Explosion der Emotionen.
Alleine für diesen einen Moment, hatte sich das Bangen um den Erhalt der Eintrittskarten, die Stunden auf der Autobahn nach
Dortmund und im Zug nach Berlin gelohnt. Solche Erlebnisse sind mit Geld nicht zu bezahlen. Im Unterrang wurde ein Bengalo
gezündet und die Kurve sang und hüpfte, während die fleißigen Helfer des DFB die bereits
bereitgestellten Podest-Teile für die Siegerehrung wieder abtransportieren konnten.
Ausgelassen Stimmung im Dortmunder Block nach dem 1:1 durch Petric.
In der Verlängerung spielte die Borussia dann weiter munter nach vorne, die Bayern schienen angenockt. Und hätte
Kringe den Ball auch nur ein wenig anders getroffen, diese Geschichte hätte vielleicht anders geendet. So lenkte Kahn
die beste Borussen-Chance zur Ecke und wenig später stolperte Toni den Ball zum entscheidenden 1:2 ins Tor. A propos
Luca Toni. Er mag in der Tat ein exzellenter Fußballer sein und vielleicht der Stürmer mit dem besten Torriecher.
Wie er sich aber ansonsten auf dem Platz verhält, darf getrost in der untersten Schublade einsortiert werden.
Bei der kleinsten Berührung fliegen ihm die Beine weg, liegt er senkrecht in der Luft, landet mit schmerzverzerrtem
Gesicht auf dem Boden und krümmt sich, als ob man ihm gerade beide Beine gebrochen hätte. Geht das Spiel dann
weiter, wird man Zeuge einer spontanen Wunderheilung und Toni kann plötzlich wieder munter übers Spielfeld traben.
Ansonsten fällt er durch ständiges Lamentieren und Beschweren negativ auf.
Mag er noch 20 Tore mehr in einer
Saison schießen, so einen Spieler möchte ich nie im BVB-Dress sehen. Mir ist im Übrigen durchaus bewusst,
dass Kuba sich in diesem Spiel auch daneben benommen hat und für seine Andi-Möller-Gedächtnis-Schwalbe völlig
zu Recht Gelb sah. Aber dafür wurde er vom Dortmunder Anhang auch kritisiert. Den Bayern-Fans fehlt im Bezug auf ihren
Luca leider diese gesunde Form der Selbstkritik. Bleibt zu hoffen, dass die Liga demnächst erkennt, dass nicht Toni
und Ribery (der sich auch ne feine Schwalbe leistete, dafür aber kein Gelb sah!) vor den Gegnern geschützt werden
müssen, sondern die Gegenspieler vor Ihnen!
Der Rest des Spiels ist leider schnell erzählt. Nach dem berechtigten Platzverweis von Kuba, schafften es die Dortmunder
nicht mehr, sich Torchancen zu erarbeiten. So feierten die Bayern einen nicht unverdienten aber doch irgendwie glücklichen
Pokalsieg. Gefeiert wurde aber auch die Dortmunder Mannschaft für einen couragierten Auftritt.
Feiern trotz der Niederlage. Dortmund verlässt Berlin mit erhobenem Haupt!
Nachdem Spiel ging es dann zunächst noch einmal mit der U-Bahn in die Innenstadt. Glücklicherweise waren hier
kaum feiernde Bayern-Fans zu sehen. So war die Niederlage leichter zu ertragen. So richtig niedergeschlagen war man ohnehin
nicht. Mannschaft und Fans hatten auf dem Platz und auf den Rängen alles gegeben. Mehr kann man nicht erwarten. Man
durfte nur nicht daran denken, was hier nun abgehen würde, wenn der BVB das Spiel gewonnen hätte. Ich glaube ich
wäre jetzt noch in Berlin. Allein der Gedanke daran, kann einem Tränen in die Augen treiben. Um kurz vor 2:00 Uhr
ging es dann mit dem Sonderzug wieder zurück nach Dortmund. Und selbst auf der Rückfahrt schafften es einige in den
Sambawagen. Morgens um 7:00 Uhr erreichten wir dann ziemlich kaputt wieder Dortmund. Ein lange Reise ging zu Ende, die Lust
gemacht hat auf mehr. Hoffen wir, daß auch die Spieler vom Virus DFB-Pokal an diesem Tag infiziert wurden und nächstes
Jahr der Wettbewerb genauso konzentriert angegangen wird. Ich wäre in Berlin auf jeden Fall wieder dabei.
Ein letzter Satz noch zur Stimmung im Stadion. Im Block selbst unbeschreiblich und wohl nicht zu toppen. Während des
Spiels quasi 120 Minuten Dauersupport. Jeder auf der Tribüne hat an diesem Tag einfach alles gegeben. Leider kam das
im Fernsehen dank der Richtmikrofone nicht immer so rüber. Es ist sicher schwer, die Leistung der Bayern zu bewerten.
Wer im eigenen Block steht, kann das Gegenüber nicht hören. Doch der Stadionsprecher brachte es wohl auf den Punkt
als er in etwa Folgendes von sich gab: 'Ich will den Bayern-Fans ja nicht zu nahe treten, aber Dortmund ist ganz schön
laut.' Und hier auch ein paar Auszüge aus dem Bayern-Forum:
Wie gesagt ich war von deren Auftritt vorm Spiel beeindruckt, da können wir uns echt ne Scheibe abschneiden! Ich mag
die Jungs nicht, bzw. sie sind mir schlicht weg scheiß egal, aber ich hatte teilweise das Gefühl wir spielen in
Dortmund und nicht in Berlin und dafür Respekt!
Zum Spiel ist alles gesagt, mein Respekt geht an die Dortmunder, Berlin war klar in Borussenhand und was die Jungs vor den
Stadionterrassen aufgeführt haben war endgenial!!
Ich habe am Samstag mein 9. Pokalendspiel im Stadion gesehen und was die Dortmunder vor dem Spiel gezeigt haben war einfach
genial, bei denen war eben Pokalfinale!! Die Stadt war schwarz-gelb und aus die Maus! Stimmungstechnisch muss bei uns in
einem Pokalendspiel einfach mehr kommen. Wo hat man den schon 15000 Fans in einer Kurve??!! Aber wie schon mal gesagt,
es stehen bei uns zu 50% Hackfressen rum, die sich durch Fahnen etc. gestört fühlen, es fehlen einem echt die
Worte!
Was von denen kam war heftig! Meiner Meinung nach muss Dortmund eh leer gewesen sein, die waren doch alle in Berlin! Egal
wo ich hingekommen bin, nur Schwarz-Gelb, ganz wenig Rote hab ich gesehen. Stimmung bei uns fand ich echt gut! Die ersten
20 Min. kam von den Dortmundern nicht viel, dann aber haben Sie aufgedreht!
Dieser letzte Satz sagt eigentlich alles. Wenn wir es geschafft haben, selbst in deren Kurve gehört zu werden, haben wir
unseren Job erfüllt. Ich hab Bayern genau 2-mal gehört. 1 Minute lang nach dem 1:0 und die letzten 2 Minuten!
Im Fernsehen dann des Öfteren 'Steht auf wenn ihr Bayern seid'. So was singt man eigentlich nicht, wenn alles steht!
Nach dem Spiel war denn auch keine wirkliche Feierlaune bei den Bayern zu erkennen. Wenn man sich vom Verlierer nach dem
Spiel anhören muss 'Ohne Dormund wär hier gar nix los' lässt das schon tief blicken. Einige schafften es
sogar in der U-Bahn danach einzuschlafen. Ich weiß nicht ob die Bayern einfach schon viel zu satt sind, oder ob sie
ihr Fan-Dasein nur anders ausleben. Ich will auch keinem Vorschreiben, wie er sich als Fan zu verhalten hat. Für mich
steht aber eines fest. Sollte ich je so emotionslos ein Fußball-Spiel und noch dazu ein Endspiel betrachten, dann
werde ich an diesem Tag mein Fan-Dasein beenden. Wenn dies der Preis ist, für die vielen Erfolge, dann spiele ich lieber
auch weiterhin nur alle 10 Jahre um einen Titel.
In diesem Sinne und in der Hoffnung dass dieser Tag nie kommen wird.
Nur der BVB – unser ganzes Leben, unser ganzer Stolz.