Das Radsportjahr 2009 war bislang enttäuschend verlaufen. Ich musste aufgrund schlechten Wetters und zwei
Krankheitsperioden 2 Urlaube und einen Marathon absagen, so dass ich außer eines Mallorca-Aufenthaltes im
Frühjahr noch nichts Zählbares auf dem Rad erlebt hatte. Dementsprechend schlecht war auch die Vorbereitung
verlaufen. Bis auf eine einzige Tour über 100 km und 2000 hm eine Woche zuvor, hatte ich keine einzige lange
Trainingseinheit zu Buche stehen. So freute ich mich zwar einerseits tierisch auf meinen 5 Tages-Aufenthalt im Engadin.
Anderseits hatte ich auch leichte Bedenken. Immerhin sollten so klangvolle Namen wie das Stilfser Joch, der Passo Mortirolo
oder der Albulapass in Angriff genommen werden.
Aber zuerst einmal musste ich mich am Sonntag morgen durch den Reiseverkehr nach Scuol bei Zernez kämpfen. Nach 7
Stunden Fahrt und etlichen Staus kam ich endlich an. Eigentlich hatte ich mir die Fahrt anders vorgestellt. Andererseits
war ich am Tag zuvor gerade erst vom Atlantik zurückgekehrt, nach 16 Stunden Fahrt. So gesehen, war es dann doch nur
ein Kurztripp. Um wenigstens noch ein wenig die Beine locker zu bekommen, fuhr ich abends noch ein kleine wellige Runde
Richtung Pfunds und zurück. Glücklicherweise gab es um die späte Uhrzeit kaum Verkehr und so konnte ich mich
in Ruhe auf meinen Tritt konzentrieren. Aber wirklich wohl fühlte ich mich nicht. Der Puls war überraschend hoch
und irgendwie fühlte ich mich auch nicht besonders gut. Ich konnte nur hoffen, dass mich nicht wieder eine Krankheit
erwischen würde. Es hätte zu diesem Jahr gepasst wie die Faust aufs Auge.
Die Sonne geht auf über Scuol. Der Blick aus meinem Hotelzimmer
Am nächsten Morgen schluckte ich erst mal 2 Grippostad-Tabletten. Normalerweise packe ich die chemische Keule
ungern aus, aber ich hatte jetzt absolut keinen Bock auf ne neuerliche Erkältung. Immerhin hatte ich gut geschlafen.
Dafür wusste das Wetter gar nicht zu gefallen. Als ich morgens auf dem Balkon Richtung Kaunertal blickte, hingen
dunkle Regenwolken in den Bergen. Aber gut, in den Alpen kann das Wetter ja schnell umschlagen. Ich ging erstmal
frühstücken. Als ich eine halbe Stunde später wieder mein Zimmer betrat, war von Wolken nichts mehr zu
sehen. Ein restlos blauer Himmel strahlte mir entgegen. Um kurz nach neun Uhr ging es dann mit dem Auto nach Prutz, um von
dort die Kaunertaler Gletscherstraße zu bezwingen. Eigentlich wollte ich kurz vor Prutz mein Auto abstellen, um mich
noch ein wenig einrollen zu können. Aber irgendwie hatte ich wohl die Abfahrt verpasst und so parkte ich mein Auto
um 9:30 Uhr direkt in Prutz. Vielleicht war es aber auch besser so. Die Straße ist zwischen Pfund und Prutz für
Radfahrer gesperrt. Und so hätte ich mich nach einer Alternativroute umsehen müssen. Dafür radelte ich in
Prutz dann eine Viertelstunde kreuz und quer durch den Ort, das musste als Warm-Up dann eben reichen. Danach begann das
Abenteuer „Höhenrekord“. Denn das Ende der Kaunertaler Gletscherstraße liegt auf 2750 m und damit noch
höher als der höchste bislang von mir mit dem Rad bezwungene Pass, der Col du Galibier (2646 m).
Blick in Richtung auf das noch ferne Ziel, den Kauntertaler Gletscher
Zu Beginn fragte ich mich aber erstmal, ob dass alles eine Gute Idee war. Ich schwitzte fürchterlich und hatte das
Gefühl überhaupt nicht richtig vom Fleck zu kommen. Und das, obwohl die Straße scheinbar überhaupt
nicht anstieg. Ich musste mir eingestehen, dass ich nicht im Vollbesitz meiner Kräfte war. Aber ändern konnte ich
es jetzt sowieso nicht mehr. Vielleicht unterlag ich ja einer optischen Täuschung, soll ja manchmal vorkommen. Ich
hatte vom Höhenprofil eigentlich in Erinnerung, dass die Straße bereits zu Beginn an Höhe gewann. Die Zeit
würde zeigen, wie weit ich heute kommen würde. Ich versuchte mich abzulenken und schaute mir immer wieder die
umliegenden Berge an. Ich hatte lange darauf warten müssen, endlich in die Alpen zu kommen. Fit hin oder her, ich
saß immerhin auf dem Rad. Also sollte ich versuchen, es zu genießen.
Die Route verlief zu Beginn oft im Wald, was ich zu schätzen wusste. Die Straßen waren hier teilweise noch
nass. Mein Auge hatte mich morgens also nicht getäuscht. Vor kurzem musste es hier noch geregnet haben. Außerdem
war die Steigung größtenteils moderat, von einigen kürzeren steilen Rampen abgesehen. Zwischendurch gab es
auch immer wieder kurze flachere Abschnitte, so dass ich gut voran kam und schon bald die Mautstation erreichte. Kurz danach
erblickte ich erstmals die Natursteinmauer des Gepatschstausees. Sie sah weniger bedrohlich aus, als die Staumauer des
Grimselstausees, die mir vor zwei Jahren einen psychologischen Schlag versetzt hatte. So weit schien es bis dorthin auch gar
nicht mehr zu sein. Doch bevor ich einen Blick auf den Stausee werfen konnte, mussten erst noch zwei steile Kilometer
überwunden werden. Doch dann war es geschafft. Ich fühlte mich nach wie vor nicht topfit. Aber ich hatte bereits
die Hälfte des Weges geschafft und war noch gut bei Kräften. Vielleicht würde ich den Gipfel ja doch
erreichen, ohne mich völlig abzuschießen und damit den Rest des Urlaubes zu gefährden. Aber zunächst
genoss ich die tolle Aussicht und stärkte mich mit einer Banane.
Der Gepatsch-Stausee auf dem Weg zum Kaunertaler Gletscher
Kurze Zeit später brach ich auf und wählte den rechten Weg um den Stausee herum. Da die Straße mehr
oder weniger für den KFZ-Verkehr gesperrt ist, war ich hier fast für mich alleine. Obwohl man sagen muß,
dass während des gesamten Anstieges ohnehin nur wenig Verkehr vorhanden war. Immer wieder konnte man rechts und links
des Stausees Wasserfälle bewundern. Nach gut 5 km war aber dann „Schluss mit Lustig“. Von nun an warteten 12 km und
fast 1000 Höhenmeter auf mich. Ich fuhr fast ausnahmslos auf dem größten Ritzel. Ein wenig Sorgen machte
ich mir ja schon. Morgen sollte der vielleicht härteste Alpenpass, der Passo Mortirolo unter die Räder genommen
werden. Da würden noch mal ganz andere Steigungsprozente auf mich warten. Wenn ich hier schon den kleinsten Gang
wählen musste, wie sollte ich dann dort noch von der Stelle kommen. Aber morgen ist morgen und heute ist heute. Und
hier fühlte ich mich auf dem größten Ritzel nun mal am Wohlsten.
Die erste Hälfte des Schlussanstieges verlief noch recht gut. Auch wenn mir klar war, dass die zunehmende Höhe
es auch zunehmend schwerer machen würde. Ca. 7 km vor dem Gipfel machte ich noch mal eine Pause und aß eine
Kleinigkeit. Ca. hundert Meter vor mir sah ich einen Rennradler und einen Mountainbiker, beide sollte ich im weiteren
Verlauf noch des Öfteren erblicken. Allerdings orientierte ich mich nicht an den beiden, hier konnte ich nur mein
eigenes Tempo fahren. Ich hatte das Gefühl dass es jetzt immer steiler wurde. Mein Puls hatte sich mittlerweile verabschiedet.
Wahrscheinlich war ich morgens beim Anlegen des Pulsgurtes wieder mal nicht sorgfältig genug. Aber was interessierte
mich hier der Puls. Schneller konnte ich nicht fahren und wirklich langsamer auch nicht. Bei teilweise 8 km/h und 50
Umdrehungen pro Minute war die unterste Grenze, die einen nicht vom Rad fallen lässt, wohl ohnehin schon erreicht.
Ich teilte mir die Strecke jetzt wie so oft bei harten Anstiegen in 500 Meter Abschnitte ein. Zwischendrin mal ein
Schluck aus der Wasserflasche, mal ein kurzes Stück im Wiegetritt und immer wieder mal ein Blick auf die tolle
Umgebung. Glücklicherweise folgte in diesem Abschnitt Kehre auf Kehre. Das hatte gleich 2 Vorteile. Zum einen konnte
man bei geschickter Fahrweise in manchen Kehren wenigstens für wenige Meter flach fahren, zum anderen sah man nicht,
was einen noch alles erwartete, was für mich aus psychologischer Sicht sicher von Vorteil war.
Die letzten Kehren vor dem Gipfel, während des Anstieges zur Kaunertaler Gletscherstrasse
Ehe die letzten drei ganz harten Kilometer folgten, wurde es kurzzeitig etwas flacher und so konnte ich noch mal ein
wenig Kraft tanken. Mit mehr als 10% im Schnitt und bereits über einer Höhe von 2500 m verlangte mir der letzte
Teil dann noch mal alles ab. Kurz vor dem Gipfel schloss ich zu dem Mountainbiker auf. Er konnte aufgrund der Untersetzung
natürlich wesentlich flüssiger treten als ich. Andererseits hatte er sicher etliche Kilogramm mehr den Berg
hinauf zu wuchten. Tauschen wollte ich also nicht mit ihm. Außer einem kurzen Plausch blieb hier aber nicht genug
Luft. So radelten wir still nebeneinander her dem Gipfel entgegen und waren beide wohl froh, endlich nach der letzten Kehre
das Gipfelrestaurant zu erblicken.
Ich hielt mich oben nicht lange auf. Ein paar Eindrücke der Landschaft wurden mit dem Foto eingefangen, meine
Wasserflasche gefüllt und die Windjacke übergezogen. Dann stürzte ich mich in die Abfahrt. Richtig laufen
lassen konnte man es hier natürlich nicht. Die zahlreichen Kehren zwangen immer wieder zu deftigen Bremsmanövern.
Außerdem holte ich hier zahlreiche Fotopausen nach. Die hatte ich mir während des Anstieges verkniffen um nicht
völlig aus dem Tritt zu kommen. Als ich nach einiger Zeit den Stausee wieder erreichte, spürte ich deutlich die
Anstrengungen des Tages. Hier auf flacher Stecke musste ich wieder treten um voran zu kommen, und dies fiel mir zunehmend
schwerer. So war ich froh das Ende des Stausees zu erreichen.
Und noch mal der Stausee, diesmal von oben
Von hier an war die Abfahrt dann nicht mehr so steil und da ich Gegenwind hatte, musste ich auch hier öfters
mittreten als mir lieb war. So war ich dann glücklich, als ich gegen 14:45 Uhr nach 84 km, 2000 hm und 4:20 h reiner
Fahrtzeit wieder mein Auto erreichte. Eine halbe Stunde später war ich wieder im Hotel. Abends gönnte ich meinem
Magen eine Lasagne und meinen Beinen Franzbranntwein. Außerdem schluckte ich noch mal zwei Tabletten und war gespannt,
wie ich mich am nächsten Morgen fühlen würde.
Es hatte nachts wieder geregnet. Als ich mich morgens um 6:15 Uhr wecken ließ, hingen wieder dunkle Wolken in den
Bergen. Aber das kannte ich ja bereits, also machte ich mir keine Sorgen. Zu meiner Freude hatte ich gut geschlafen und
fühlte mich fitter als am Tag zuvor. Auch mein Ruhepuls, der am Vortag noch leicht erhöht war, befand sich wieder
in normalen Regionen. „Gut so“ dachte ich. Am Mortirolo würde mir jedes Prozent mehr an Fitness sicher helfen. Bereits
um 7:00 Uhr saß ich am Frühstückstisch und eine gute halbe Stunde später machte ich mich mit dem Auto
auf den Weg nach Bormio.
Ich hatte fast 100 km Fahrt vor mir. Zugegeben, es ist sicher grenzwertig, eine solche Anreise zu unternehmen, um eine
einzige Tour mit 2 Pässen zu fahren. Aber es waren ja nicht irgendwelche Pässe. Es ging darum, den Mortirolo, den
wahrscheinlich härtesten Alpenpass zu bezwingen und mit dem Passo Gavia vielleicht einen der schönsten. Und wenn
man schon mal in der Gegend ist, nimmt man so etwas eben in Kauf. Bis Livigno lief es denn auch ganz gut. So früh
morgens war auf den Straßen noch nichts los. Doch in Livigno drehte ich erst mal 2 Runden durch den Ort und musste
schließlich nach dem Weg fragen. Nach 2 Stunden Fahrt erreichte ich endlich mein Ziel. Ich stellte mein Auto in einer
Tiefgarage ab, packte meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg nach Mazzo.
Die erste Schwierigkeit bestand darin, nicht auf der Bundesstraße zu landen, sondern den Weg durchs Valdisotto zu
finden. Dies gelang zwar, allerdings wurde in diesem Abschnitt viel gebaut. So waren immer wieder Straßen gesperrt.
Dafür war die Route wirklich toll. Fast kein Verkehr und eine tolle Umgebung.
Während der Anfahrt nach Mazzo, auf kaum befahrener Straße in einer tollen Umgebung
Während eines längeren Anstieges machte ich mir dann aber doch Sorgen, ob ich wirklich noch auf dem richtigen
Weg war. Zusätzliche Höhenmeter waren mir heute nicht willkommen. Aber schließlich erreichte ich doch Mazzo.
Den ganzen Weg über dachte ich nur an eines: Den Passo Mortirolo. Ähnlichen Respekt vor einem Pass, hatte ich
zuletzt vor 3 Jahren als ich mit dem Crossbike und nur einem ¾ Jahr Radtraining dem Col du Galibier entgegenfuhr. Aber der
Respekt war auch angebracht. Mit einer durchschnittlichen Steigung von über 10% auf 12 km Länge war der Pass mit
nichts, was ich bisher gefahren war, zu vergleichen. Aber wie sagt man so schön, Versuch macht kluch! Als ich gerade
die ersten Meter in Angriff nahm, hörte ich von hinten einen anderen Fahrer herankommen. Er sprach deutsch und wir
unterhielten uns kurz. Scheinbar war er aber wesentlich fitter als ich. Und so fuhr er bald an mir vorbei und aus meinem
Blickfeld heraus.
Die ersten beiden Kilometer waren noch sehr gut zu fahren. Ich fuhr trotz allem bereits hier auf dem größten
Ritzel um wenigstens eine Zeit lang eine angenehme Trittfrequenz zu fahren. Glücklicherweise verlief die Straße
weitgehend im Schatten, was die Arbeit doch sehr erleichterte. Allmählich wurde die Straße steiler. Schmal und
über etliche Kehren zog sie sich den Berg hinauf. Kurz vor dem harten Mittelstück hatte ich erstmals einen
schönen Blick auf die umliegenden Berge.
Ich überlegte kurz, ob ich nicht versuchen sollte, den Pass an einem Stück durchzufahren, verwarf den Gedanken
aber wieder. Ich war hier im Urlaub und nicht beim Sport. Also hielt ich kurz an und schoss ein paar Fotos. Danach ging es
weiter. Es folgte das harte Mittelstück. Über 2 Kilometer mit fast 14 % Steigung ließen die Fahrt
endgültig zur Qual werden. Ich musste ab und zu aus dem Sattel, fuhr allerdings immer nur ein paar Meter im Wiegetritt.
Ich kann einfach nicht im Stehen fahren. Mein Puls steigt dann unwillkürlich an. Da ich mich ohnehin bereits an der
anaeroben Schwelle befand, konnte ich mir das nicht leisten. Trotz einer Trittfrequenz von nur knapp über 40 versuchte
ich einigermaßen rund zu treten. Manchmal, so bildete ich mir ein, gelang dies sogar. Ich rutschte mit meinem Arsch
weit auf dem Sattel nach hinten, um die Kraft besser auf die Pedale zu bekommen. Dadurch wurde natürlich mein Schwerpunkt
nach hinten verlagert. Um dies auszugleichen, musste ich mit dem Oberkörper tiefer Richtung Lenker, sonst hob das
Vorderrad ab.
Teilweise verlief die Straße jetzt in der Sonne, und so lief der Schweiß in Strömen. Ich glaube,
wäre ich den gesamten Anstieg der Hitze ausgesetzt gewesen, wäre ich nie oben angekommen. So überwand ich
aber die steilste Stelle ohne an die Grenze gehen zu müssen. Danach wurde es wieder kurzzeitig etwas flacher. Sofern
man bei Steigungen um die 10% von flach reden kann. Aber ich versuchte jeden nicht ganz so steilen Meter zur Erholung zu
nutzen und sei es nur, indem ich eine Kehre ganz außen fuhr. In Kehre 10 war das schlimmste dann überstanden.
Die Aussicht während des Anstieges zum Passo Mortirolo
Es wurde mir langsam bewusst, dass ich tatsächlich oben ankommen würde, und das noch einigermaßen
anständig. Leichter Stolz machte sich breit. Kurz vor Kehre 6 zog die Steigung dann noch einmal kräftig an. Ich
überholte eine Mountainbikerin die gerade absteigen musste und warf ihr ein paar aufmunternde Worte zu. Kurz danach
erreichte ich eine kleine Hochebene mit etlichen Grillplätzen, die auch reichlich genutzt wurden. Der Geruch von
frisch gegrilltem Fleisch drang in meine Nase. Gerne hätte ich mich hier jetzt auch ins Gras gelegt.
Die Steigung ließ hier endgültig nach und ich nutzte die Gelegenheit und füllte noch mal meine
Wasserflaschen an einem Brunnen. Die Passhöhe war hier bereits zu erahnen und ich genoss die letzten Meter förmlich.
Dann tauchte vor mir das Passschild auf. Ein Italiener beglückwünschte mich mit einem „Bravo“. Ich hatte ein
Lächeln auf den Lippen! Nach ca. 90 Minuten war es geschafft. Einer der am meisten gefürchteten Pässe der
Alpen, stand nun auch in meiner Vita. Bis auf drei kurze Fotopausen war ich ihn auch in einem Stück gefahren. Wirklich
längere Pausen würde ich aber ohnehin niemandem empfehlen. Ich tat mich nach den wirklich nur 1-2 Minuten langen
Pausen schwer wieder in Tritt zu kommen. Wer am Mortirolo wirklich eine lange Pause macht und die Beine hoch legt,
könnte sein blaues Wunder erleben. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass mir auf dem Anstieg nur selten Autos
begegnet sind und außer dem Rennradler zu Beginn und einigen Mountainbikern, war man auch sonst ganz alleine
unterwegs.
Blick von der Passhöhe auf die etwas tiefer liegende Hochebene
Oben auf der Passhöhe gönnte ich mir dann aber eine längere Pause. Danach hieß es Windweste an und
in die rasante Abfahrt stürzen. Diese wusste durchaus zu gefallen. Zwar war die Straße schmal und daher war vor
allem zu Beginn erhöhte Vorsicht geboten. Aber der Straßenbelag war in tadellosem Zustand und nachdem die
Spitzkehren im oberen Teil überwunden waren, konnte man es so richtig krachen lassen. Nach kurzer Zeit erreichte ich
Monno, doch der Spaß war noch nicht vorüber. Es folgten noch mal einige Serpentinen, bis ich schließlich
den Abzweig zum Gaviapass erreichte.
Die anschließenden rund 15 Kilometer waren dann weitaus härter als geplant. Hier unten im Tal war es
brütend heiß und man war ständig der Sonne ausgesetzt. Außerdem stieg die Straße zwar
gemächlich aber doch stetig an. Ich hatte unterwegs noch meine Wasserflaschen gefüllt aber keine halbe Stunde
später war die erste schon wieder leer. Die Hitze schien nicht nur das Wasser aus meinen Flaschen sondern auch die
Energie aus meinem Körper zu ziehen. Neben der Straße konnte ich des Öfteren einen Blick auf den Fluß
Oglio werfen. An einer Stelle an der einige Familien picknickten, hatte ich dann genug. Ich brauchte jetzt unbedingt
Wasser. Ich stellte mein Rad am Straßenrand ab und suchte mir einen Weg zum Fluss. Ich wäre am liebsten in die
Fluten gesprungen, begnügte mich aber damit den Kopf und die Arme zu kühlen. Anschließend kam die
mitgenommene Sonnencreme zum Einsatz, auch wenn dies möglicherweise schon zu spät war. Noch einen Happen gegessen
und die Fahrt ging weiter.
Ich wunderte mich, dass ständig Ponte di Legno angeschrieben war, aber der Weg zum Gavia-Pass weiter geradeaus
ging. Wie ich abends beim Blick in die Karte feststellte, hätte ich tatsächlich über Ponte di Legno fahren
können. So verbuchte ich noch ein paar Höhenmeter extra, bis ich mich endlich auf dem Weg zum Gavia befand. Schon
auf den ersten nicht so steilen Metern spürte ich deutlich die Anstrengungen des Mortirolo. Obwohl von den
Steigungsprozenten nicht annähernd mit dem ersten Pass des Tages vergleichbar, benötigte ich oft schon das
größte Ritzel. Mir schwante Böses, was den Rest des Passes betraf. Noch immer der heißen Sonne
ausgesetzt, sehnte ich mich nach kühlem Schatten.
Dann sorgte das Wetter in Form von aufziehenden Wolken und später ein Waldstück wenigstens in diesem
Punkt fü Erleichterung. Die Straße wurde nach einiger Zeit ziemlich eng und ich musste zweimal sogar anhalten, weil ein
Auto vor mir aufgrund Gegenverkehrs nicht weiter fahren konnte. Insgesamt war der Pass aber sowohl von Autos als auch von
Motorrädern kaum befahren. Nach ca. 6 km folgte der steilste Abschnitt. Auf einer Länge von 2,5 km mussten 260
Höhenmeter überwunden werden, nach Adam Riese also über 10% Steigung im Schnitt. Ich quälte mich eher
schlecht als recht hindurch und versuchte ähnlich wie beim Mortirolo jede flachere Stelle zur Erholung zu nutzen. So
langsam half mir aber auch die immer schöner werdende Landschaft um mich herum.
Im letzten Drittel des Anstieges, gekennzeichnet von schweren Beinen und schöner Aussicht
Hinter jeder der nun zahlreichen Serpentinen wurde die Aussicht großartiger. Ich versuchte diese Anblicke
förmlich aufzusaugen und mich daran zu erinnern, warum ich hier war und wie lange ich dieses Jahr darauf hatte warte
müssen, die Alpen zu sehen. Nichts desto trotz, war mein Akku leer und ich sehnte mich nach dem Tunnel, welcher 3km
vor dem Gipfel die alte abenteuerliche Passroute ersetzte. Die Serpentinen waren nun überwunden und die Straße
schlängelte sich mehr oder weniger gerade den Hang hinauf. Nach jeder kleinen Kurve hatte ich die Hoffnung die
Tunneleinfahrt zu erblicken. Doch diese wurde einige Male enttäuscht. Dann plötzlich und fast unverhofft das
Schild, Tunnel! Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich stellte das Rad zur Seite und schnaufte erstmal durch.
Es war gekommen wie insgeheim vermutet. Nicht der Mortirolo sondern der Gavia sollte auf dieser Tour der Scharfrichter
sein. Ich hätte es ja eigentlich wissen müssen. Spätestens seit meine Qualen am Furkapass, als ich auf der
Grimsel-Susten-Furka Runde am leichtesten der 3 Pässe um jeden Meter hatte kämpfen müssen. Nicht die
Schwierigkeit eines Passes an sich entscheidet über seine Härte, sondern die Zahl der Höhenmeter, die man
bis dahin bereits in den Beinen hat. Ich lief ein paar Meter die alte Pass-Straße entlang. Hier mit dem Mountainbike
entlang zu fahren, hätte sicher Spaß gemacht. Rechts die Felswand, links der Abgrund. Ich aber musste mit meinem
Rennrad durch den Tunnel.
Die alte Route am Gaviapass, mittlerweile durch ein unbeleuchtetes Tunnel „entschärft“
Ich schaltete mein Rücklicht ein und tauchte in das unbeleuchtete Tunnel ein. In der Hand hielt ich eine kleine
Lampe um wenigstens ein bisschen etwas zu sehen. Das hätte ich mir aber sparen können. Außer den kleinen
Signalleuchten an der Tunnelwand war nichts zu sehen. Mein „Vorderlicht“ brachte da auch nichts. Immerhin erkannt ich aber
dadurch, dass ich ab und zu unabsichtlich den schwach reflektierenden Mittelstreifen befuhr. Ich hatte ein ungemein
beklemmendes Gefühl. Hoffentlich war ich von hinten wenigstens zu erkennen. Ich versuchte den knapp ein Kilometer
langen Tunnel möglichst schnell zu durchfahren. Gegen Ende fühlte ich mich dann gar nicht mehr gut. Ich dachte
ich würde demnächst vom Rad fallen. Ich weiß nicht, ob es die plötzlich erhöhte Geschwindigkeit
war, ich konnte den Tacho ja nicht sehen. Oder vielleicht wirklich die Angst von hinten überrollt zu werden. Aber ich
war mich sicher, dass ich nach dem Tunnel gleich die nächste Pause brauchen würde. Dem war aber nicht so. Als ich
den Tunnel endlich hinter mir hatte, erholte ich mich rasch.
Jetzt trennten mich nur noch einige Serpentinen von der Passhöhe. Ich bildete mir ein, hier oben die dünner
werdende Luft deutlich zu spüren, schließlich befand ich mich bereits in knapp 2500 Meter Höhe.
Komischerweise war mir dies 2 Tage zuvor auf der über 2700 Meter hohen Kaunertaler Gletscherstraße nicht
aufgefallen. Ich versuchte die wunderschöne Landschaft noch einmal zu genießen und scheute mich nicht, alle paar
Hundert Meter anzuhalten um ein Foto zu schießen.
Blick zurück auf die letzten Meter des Anstieges zum Passo Gavia
Dann klingelte plötzlich mein Handy. Patrick war dran. Er wollte in zwei Tagen auch nach Scuol kommen. Ich nutzte
die Gunst der Stunde und bat ihn im Internet zu recherchieren, wann der Tunnel bei Livigno schließen würde. Ich
machte mir langsam Sorgen, dass ich evtl. zu spät zurückkehren würde und mit dem Auto dann einen Umweg
über den Umbrailpass in Kauf nehmen müsste. Er sagte mir zu, mich per SMS zu informieren. Ich setzte die Fahrt
fort und schließlich tauchte vor mir endlich die Passhöhe auf. Nach fast 2 Stunden Fahrt war auch der Passo
Gavia bezwungen. Innerlich jubelte ich und ein gequältes Lächeln huschte auch hier über meine Lippen. Ich
gönnte mir oben erstmal ein großes Radler und machte eine längere Pause. Dann folgte die Abfahrt nach
Bormio. Trotz des vor allem im oberen Bereich schlechten Straßenbelages, war die Abfahrt traumhaft. Eine schmale
windungsreiche Straße wie ich sie liebe. Links von mir, der Berg, rechts der Abgrund!
Ich musste mich mehrmals zurückhalten hier nicht zu viel zu riskieren. Es war einfach unglaublich verlockend, mit
den Kurven zu spielen. Aber es war eben in der Tat Vorsicht geboten. Zügig erreichte ich so um 18:30 Uhr nach
über 110 km und ca. 3200 hm wieder Bormio. Ich fand schnell mein Parkhaus wieder, packte meine Sachen zusammen und
schaute auf mein Handy. Patrick hatte in der Tat geschrieben. Der Tunnel würde um 20:00 Uhr schließen.
Glück gehabt, dachte ich mir, das müsste reichen. Die Rückfahrt verlief dann etwas zügiger als der
Hinweg. Trotzdem war ich auch hier fast 2 Stunden unterwegs. Als ich wieder in Scuol war, ließ ich all meine Sachen
einfach im Auto liegen, sprang schnell unter die Dusche und gönnte mir in der Stadt einen großen Teller
Spaghetti!
Am dritten Tag hätte eigentlich eine Runde über Julier und Albula auf dem Programm gestanden. Nach den
Anstrengungen des Vortages war mir aber klar, dass ich dringend einen Ruhetag brauchen würde. Eigentlich reine
Verschwendung, denn das Wetter war wieder hervorragend. Aber ich war nun mal nicht in der Form die ich mir erwünscht
hatte. Den Albula wollte ich aber ohnehin in zwei Tagen noch mit Patrick zusammen unter die Räder nehmen und der Julier ist als
einer der Hauptverkehrsrouten ziemlich befahren. So wirklich verpassen sollte ich also nichts. Ich gab auch schnell den
Plan auf, eine größere Wanderung auf einen der nahen Gipfel zu unternehmen. Gereizt hätte es mich ja schon,
aber meine Beine wollten nun mal Entspannung. Ein kurzer Blick in den Touristenführer von Scuol und ich entschied mich
für eine kleine Wanderung in der Clemgia-Schlucht.
Direkt von Scuol aus führt sie den Inn entlang. Da sie nicht wirklich ausgeschildert war, wählte ich an jeder
Weggabelung einfach den scheinbar schöneren Weg. Schließlich hatte ich ja nicht wirklich ein Ziel, außer
mir die Beine zu vertreten und ein bisschen was zu sehen. So wanderte ich zunächst am Fluß entlang und
später einen Anstieg hinauf. Letztlich landete ich in Sgne, einer Ansammlung von ca. 10 Häusern auf einer
Hochebene mit herrlichen Ausblicken.
Blick von der Hochebene bei Sgne
Da ich keinen Wanderweg zurück nach Scuol finden konnte, entschloss ich mich, der Straße zu folgen. Auch das
sollte ich nicht bereuen. Eine frisch asphaltierte, serpentinenreiche, nicht allzu steile Straße, die einem immer
wieder herrliche Ausblicke bot. Sollte ich morgen nach dem Stilfser Joch noch Kraft in den Beinen haben, würde ich
hier mit dem Rad noch mal hinauffahren. Nach knapp 4 Stunden erreichte ich am frühen Nachmittag wieder Scuol.
Blick auf Scuol während der Wanderung in der Clemgia-Schlucht
Den Rest des Tages verbrachte ich mit Entspannung und damit die Erlebnisse der letzten Tage niederzuschreiben. Abends
traf dann Patrick ein. Auch er war lange im Stau gestanden und so musste die abendliche Warm-up Runde ausfallen.
Am nächsten Tag strahlte uns bereits die Sonne wieder entgegen. Jedenfalls konnte man sie erahnen. Da wir
nämlich schon um 6:00 Uhr aufgestanden waren, war die Sonne hinter den Bergen noch gar nicht aufgegangen. Um 7:00 Uhr
frühstückten wir gemütlich, ehe wir uns eine gute halbe Stunde später auf den Weg nach Schleis bei
Prad machten, um das Stilfser Joch zu bezwingen. Die Vorfreude war riesengroß. Ich hatte mir bereits letztes Jahr
vorgenommen diese Pass-Straße, die für viele die Mutter aller Pässe darstellt, unter die Räder zu
nehmen. Patrick freute sich ohnehin. Schließlich würde dies nach all seinen Knieproblemen der erste echte
Alpenpass seit fast zwei Jahren sein.
Um ca. 9:00 Uhr rollten wir teilweise auf einem schönen Radweg Richtung Prad. Von dort begann das Abenteuer.
Bereits auf den ersten Metern war zu erkennen, dass wir uns hier nicht auf irgendeinem Alpenpass befanden. Vor und hinter
uns, versuchten sich bereits andere Radler an der Herausforderung Passo Stelvio. Die ersten Kilometer eigneten sich gut,
um sich einzufahren. Außer ein paar kürzeren steilen Rampen, waren keine Schwierigkeiten zu überwinden.
Wir fuhren ein ordentliches Tempo und überholten immer wieder andere Fahrer, u.a. einen 66-jährigen Italiener der
ebenfalls zum ersten Mal das Stiflser Joch fuhr. Der erste Teil des Anstieges verlief noch relativ unspektakulär.
Glücklicherweise waren wir hier des Öfteren durch den Wald vor der Sonne geschützt. Aber wir konnten bereits
erahnen, dass es heute ein sehr heißer Tag werden würde.
Patrick auf dem Weg zum Stilfser Joch
Nach ca. 1 Stunde erreichten wir die erste von 48 Kehren, die allesamt durchnummeriert sind. Kurze Zeit später
begann dann die erste Serpentinen-Passage. Noch immer im dichten Wald schlängelte sich die Straße Kehre um Kehre
nach oben. Ich fühlte mich immer noch gut. Scheinbar hatte der Ruhetag seine Wirkung nicht verfehlt. Auch Patrick
schien gut in Form zu sein. Er fuhr ein ordentliches Tempo und meist vor mir. Kurze Zeit später wurde die Aussicht auf
die umliegenden Berge immer grandioser. Während ich davor noch das ein oder andere Bild fahrend auf dem Rad geschossen
hatte, wollte ich diese Momente nun gründlicher festhalten. Ich sagte Patrick Bescheid, dass ich jetzt die ein oder
andere Fotopause einlegen würde und er ruhig sein Tempo weiterfahren sollte. Wir würden uns oben wieder sehen.
Selbstverständlich waren auch an diesem Tag nicht nur Radler unterwegs. Ich musste mir die Straße auch mit
etlichen Autos und Motorrädern teilen. Allerdings hatte ich mit weit aus schlimmerem Verkehr gerechnet. Die tolle
Landschaft lenkte mich zudem permanent ab, so dass ich den Verkehr fast während des gesamten Anstieges nicht als
störend empfand. Nachdem ich die Baumgrenze hinter mir gelassen hatte, wurden die Ausblicke noch grandioser. Um mich
herum schneebedeckte Dreitausender, über mir und unter mir nichts als Kehren.
Ich fühlte mich richtig gut. Der Tritt war rund und flüssig und ich hatte das Gefühl spielend
voranzukommen. So hatte ich mich zuletzt vor drei Jahren am Galibier gefühlt, als ich von Euphorie beseelt,
ständig den Eindruck hatte, von hinten geschoben zu werden. Es war schon ein beeindruckendes Bild, unterhalb der
eigenen Position 2-3 Geraden zu überblicken, auf denen sich andere Radler dem Gipfel entgegen kämpften.
Kurz vor der Franzenhöhe, Kehren ohne Ende und eine tolle Aussicht
Doch selbst dieser Anblick wurde noch gesteigert. Kurz vor der Franzenhöhe geriet zum ersten Mal der legendäre
Steilhang in mein Blickfeld. Dieser Anblick konnte einem den Atem verschlagen. Die Beschreibungen des Anstieges hatten
nicht zuviel versprochen. Man blickte auf eine Wand. Und mitten durch die Wand zogen sich unzählige Serpentinen. Und
über alldem thronte, wie eine nicht einzunehmende Festung das Gipfelrestaurant des Stilfser Joch. An der
Franzenhöhe machte ich eine kurze Pause, aß einen Riegel und versuchte diesen unglaublichen Anblick auf Fotos
festzuhalten. Als ich schließlich weiterfahren wollte, dann der Schock. Meine Kurbel drehte sich nicht mehr.
Bitte jetzt keinen Defekt, dachte ich mir. Beim Rückwärtsdrehen sprang die Kette permanent vom oberen
Schaltröllchen. Ich sah mich schon mein Rad 6 km den Steilhang hinaufschieben, ehe es sich doch noch
erbarmte und ich weiterfahren konnte. Von nun an wanderte mein Blick abwechselnd den Berg hinauf auf das was noch vor mir
lag und dann wieder nach unten, auf das bereits vollbrachte. Meinen Fotoapparat hielt ich nun dauerhaft in der Hand. Das
größte Ritzel aufgelegt, musste ich nicht mehr schalten und konnte so in fast jeder Kehre für ein paar
Sekunden stoppen und ein Foto schießen.
Mitten im legendären Steilhang, immer im Blick, der Gipfel
Kurz vor dem Gipfel, Blick auf die Franzenhöhe und die zahlreichen Serpentinen
Auf der Straße war nun nach jedem Kilometer die Restdistanz zum Gipfel aufgemalt. Zusätzlich halfen die
nummerierten Kehren abzuschätzen, was einen noch erwartete. Im bisherigen Urlaub hatte ich die jeweiligen Passhöhen
stets herbeigesehnt. Hier war ich jetzt fast traurig, dem Gipfel und damit dem Ende dieser atemberaubenden
Passfahrt näher zu kommen. Weder die dünner werdende Luft noch die bereits erklommenen 1500 Höhenmeter
machten mir zu schaffen. Mit dieser Kulisse um mich herum, hätte ich vermeintlich noch Stunden lang dem Himmel
entgegenfahren können. Ich drosselte sogar absichtlich mein Tempo, um diese Eindrücke noch länger
genießen zu dürfen. Darauf hatte ich mich nun fast ein halbes Jahr lang gefreut. Allein wegen dieses Passes,
hatte sich die lange Anreise gelohnt.
In einer der letzten Kehren stand ein etwas übergewichtiger Motorradfahrer. „Respekt“ rief er mir zu. „Alles halb
so wild“ rief ich zurück. Und so empfand ich es auch. So scheinbar spielerisch hatte ich selten zuvor einen Pass
erklommen. Aber auch die schönsten Momente auf dem Rad gehen irgendwann zu Ende. Ich erreichte die letzte Kehre und
gab zum ersten Mal während des Anstieges richtig Gas und jagte den Puls nach oben. Jetzt war die Höhenluft dann
doch zu spüren. Laut schnaufend erreichte ich die Passhöhe auf der Patrick bereits auf mich wartete.
Wir gönnten uns oben ein Radler und genossen die Aussicht. Oben auf der Passhöhe war natürlich die
Hölle los. Unzählige Motorradfahrer und andere Touristen, Souvenirshops und Radsportler säumten die
Passhöhe. Selbst Bratwürste und andere gegrillte Leckereien wurden angeboten. Und ich muss gestehen, ich hatte
Mühe dem Duft vom frisch gegrillten Fleisch zu widerstehen. Aber einerseits wollte ich diese Art von Tourismus nicht
unterstützen, andererseits hatte ich noch einiges an Proviant in meinen Trikottaschen. Umsonst wollte ich das nun auch
nicht den Pass hinaufgetragen haben. Also begnügte ich mit belegten Brötchen und einer Banane.
Blick vom Stilfser Joch auf den Ortler
Wir trafen den älteren Italiener wieder, den wir zu Beginn das Anstieges überholt hatten. Er hatte den Pass
in 2 ½ Stunden bezwungen. Wenn ich in diesem Alter noch so die Pässe fahren kann, hab ich wohl nicht alles falsch
gemacht, dachte ich mir. Danach hieß es Windweste an und auf zur Abfahrt. Nach ein paar Serpentinen kam der Abzweig
zum Umbrailpass und ein paar Höhenmeter extra, ehe es wieder über etliche Serpentinen dem Tal entgegen ging. Der
Asphalt war aber derart schlecht, dass hier nicht wirklich Freude aufkam. Nach einiger Zeit erreichten wir dann die ca.
3 km lange nicht asphaltierte Passage. Mit etwas Vorsicht war dieser Teil aber gut zu bewältigen. Später wurde
der Asphalt besser.
Ab Santa Maria wusste die Abfahrt dann endgültig zu gefallen. Die vielen Serpentinen waren überwunden und man
konnte immer öfter die Hände von den Bremsen nehmen. Es folgte eine tolle Ortsdurchfahrt durch das schöne
Müstair, ehe die Fahrt weiterhin auf gutem Asphalt rasant fortgesetzt werden konnte. Schließlich erreichten wir
das Tal und radelten wieder auf dem schönen Radweg zu unserem Ausgangspunkt zurück. Für Patrick waren die
1800 Höhenmeter am Stück wohl leider zuviel des Guten. Sein Knie machte sich wieder bemerkbar. Schweren Herzens
entschied er sich, den Urlaub schon wieder zu beenden. Er hatte dieses Jahr noch Alpe d’Huez und den Mont Ventoux geplant
und wollte diese Unternehmungen nicht gefährden.
Am nächsten Morgen musste ich mich also von Patrick verabschieden. Wir waren wieder zeitig beim Frühstück.
Patrick um bei der Rückfahrt nicht im Stau stehen zu müssen. Ich hatte heute eine Tour über Davos geplant
und dort wurden ab Mittags Gewitter gemeldet. Ich fuhr mit dem Auto daher ebenfalls früh nach Zernez und saß
kurz vor 9:00 Uhr bereits auf dem Rad. Nach kurzem Einrollen erreichte ich Susch. Von dort begann der Aufstieg zum
Flüelapass. Ich hatte mir vorgenommen, diesen Anstieg sehr zügig zu fahren, so dass ich möglichst
früh den Aufstieg zum Albulapass in Angriff nehmen konnte.
Gleich zu Beginn trieb es mir aber erstmal ordentlich den Puls nach oben. Die ersten drei Kilometer waren mit Steigungen bis
zu 10% ordentlich anstrengend. Durch etliche Serpentinen gewann ich schnell an Höhe. Dazwischen gab es allerdings ein
kurzes flacheres Stück, welches gut zur Erholung genutzt werden konnte. Außerdem durfte ich fast durchweg im
Schatten fahren, da sich die noch tief stehende Sonne meist hinter den umliegenden Bergen oder hinter der leichten
Bewölkung versteckte.
Nach dem harten Beginn ließ die Steigung nach, ehe es für fast 2 Kilometer relativ flach und ohne
Serpentinen weiter ging. Danach wechselte das Bild erneut. Die Baumgrenze hatte man nun hinter sich gelassen. Es folgte
eine lange fast gerade Straße. Begleitet wurde man dabei stets von dem kleinen Flüsschen Susaca, welcher sich
links der Straße ein tiefes Tal gegraben hat. Der Anstieg erinnerte in diesem Teil stark an die Westanfahrt des
Sustenpasses.
Blick in das Tal der Susaca, während des Aufstieges zum Fluelapass
Die Steigung nahm in diesem Teil der Strecke wieder deutlich zu. Doch da ich auch weiterhin mit kräftigem Druck
auf den Pedalen fuhr, war auch dieser Teil bald überwunden. Ein Stück weit über mir, kam nun die
vermeintliche Passhöhe in Sicht. Scheinbar trennten mich nur noch ein paar Serpentinen vom Gipfel. Ein Blick auf den
Tacho verriet mir aber, dass dies nicht das Ende der Passfahrt sein konnte. In der Tat, erreichte man nach den Serpentinen
nur eine kleine Hochebene. Die Straße wurde kurzzeitig flacher ehe sie sich noch einmal mit zunehmender Steigung der
Passhöhe entgegen schlängelte.
Kurz vor dem Gipfel erreichte ich einen kleinen Bergsee. Nun mussten nur noch ein paar flache Meter zurückgelegt
werden und der erste Pass des Tages war überstanden. Ich benötigte trotz kurzer Fotopausen nur gut eine Stunde.
Ich erinnerte mich daran, dass am Flüelapass immerhin knapp 1000 Höhenmeter zu überwinden waren. Scheinbar
war ich tatsächlich ganz gut unterwegs gewesen. Ich hielt mich oben auch nicht lange auf, sondern machte mich schnell
an die Abfahrt. Diese war dann ganz nach meinem Geschmack. Ohne viele Spitzkehren konnte man fast dauerhaft die Hände
von den Bremsen nehmen. Wie auch schon während des Anstieges, herrschte hier kaum Verkehr. So konnte man die Abfahrt
richtig geniessen und ich erreichte ich schnell Davos.
Schlagartig befand man sich dann in einer ganz anderen Welt. Viele Touristen säumten plötzlich die
Straßen. Obwohl es hier deutlich flacher wurde, half mir auftretender Rückenwind, weiterhin gut voranzukommen.
So jagte ich durch ganz Davos ein Auto vor mir her, welches mich auf den letzten Metern der Abfahrt überholt hatte.
Nach Davos ließ der Verkehr dann wieder nach. Weiterhin hatte ich Rückwind, so dass ich auf der nur
mäßig abfallenden Straße kaum mittreten musste. Nach kurzer Zeit erreichte ich einen Tunnel. Dieser war
zwar wesentlich besser beleuchtet, als der Tunnel zwei Tage zuvor am Gaviapass. Trotzdem fühlte ich mich alles andere
als wohl und gab ordentlich Gas. Die entgegenkommenden Autos machten einen Höllenlärm. Ich dachte mehrere Male
ein Schwertransporter würde mir gleich begegnen, als doch nur ein normaler PKW an mir vorbeirauschte.
Glücklicherweise war es hier ausreichend steil. So konnte ich mit knapp 50 km/h den fast 3 km langen Tunnel schnell
hinter mir lassen.
Danach folgte ein kurzer aber steiler Gegenanstieg über einige Serpentinen in das Örtchen Wiesen. Kaum hatte
man den Ort verlassen, durfte ich mich erneut an einer längeren Abfahrt erfreuen. So erreichte ich zügig und
schneller als gedacht den Abzweig zum Albulapass kurz vor Tiefencastel. Der Beginn des Anstieges war zunächst gar
nicht als solcher zu erkennen. Auf fast flacher Straße führte mich die Straße tief in ein Tal hinein, ohne
dass man auch nur eine kleine Vorahnung hatte, wo sich die Passhöhe befinden könnte. Erst nach ca. 10 km zog die
Straße dann deutlich an.
Kurz zuvor schloss ein Schwabe aus der Nähe von Stuttgart zu mir auf. Er war mit seiner Familie in einer
Ferienwohnung in der Gegend unterwegs. Den Albulapass war er im Laufe der Woche schon des Öfteren gefahren. Da er
auch das Engadin schon gut kannte, konnte er mir allerhand Interessantes zur Umgebung erzählen. So merkte ich gar
nicht, dass wir auch das Steilstück mit kaum nachlassender Geschwindigkeit bewältigten. So langsam machte sich
aber mein Magen bemerkbar. Ich war bis jetzt recht zügig unterwegs gewesen und hatte kaum etwas gegessen. Gut dass
bald das Örtchen Bergün erreicht werden müsste.
Ich machte meinen Mitstreiter schon mal darauf aufmerksam, dass ich mich dort verpflegen musste. Unsere Wege trennten
sich dann aber noch früher. Wir fuhren inzwischen eine atemberaubende Schlucht entlang. Die Straße war hier
direkt in den Fels gehauen. Rechts der Straße ging es teilweise fast 100 Meter senkrecht in die Tiefe. Dies wollte
ich unbedingt auf einem Foto festhalten. Ich verabschiedete mich schnell von meinem „Reiseführer“ und schoss
ein paar Bilder.
Blick in die Albula-Schlucht während des Aufstieges zum gleichnamigen Pass
Kurz danach erreichte ich Bergün und konnte endlich etwas essen und meine Wasserflaschen füllen. Nachdem
Bergün über eine Kopfsteinpflasterpassage verlassen wurde, änderte sich die Landschaft erneut. Man radelte
nun durch saftige Wiesen und dunkelgrüne Wälder. Dabei wurde man stets von zwei Dingen begleitet, dem Fluß
Albula und der Rhätischen Bahn. Letztere verschwand abwechselnd durch einen Tunnel im Berg, nur um wenige Meter
später wieder über ein Viadukt den eigenen Weg zu kreuzen. Ich fühlte mich nach wie vor gut, obgleich auch
in diesem Bereich die Steigung fast zweistellige Werte erreichte.
Nachdem die Bahn dann endgültig in einem Tunnel verschwand, wurde es wieder kurzzeitig flacher. Danach erreichte
ich den Palpuognasee. Ich überlegte kurz ob ich mir einen Weg zum See hinunter suchen sollte. Aber ehe ich mich so
Recht entschieden hatte, war ich durch die steil ansteigende Straße dann doch zu weit davon entfernt. Schade
eigentlich, der See hinterließ von oben betrachtet einen sehr idyllischen Eindruck. Konnte man seinen Augen von ihm
abwenden und wieder nach vorne blicken, konnte man die vermeintliche Passhöhe erblicken. In Wahrheit handelte es sich
aber um die auf 2000 Meter Höhe liegende Crap Alv auf der die Technische Hochschule Zürich eine Forschungsstation
betreibt.
Blick auf die Crap Alv, kurz nach dem Palpuognasee während des Aufstieges zum Albulapass
Ich machte dort eine kleine Pause und genoss den Blick auf den Palpuognasee. Kurze Zeit später erreichte auch ein
Paar auf Mountainbikes die Alp. Obwohl Paar eigentlich nicht ganz stimmt. Denn eigentlich waren sie zu Dritt. Auch ihr Hund
bewältigte den Albulapass! Damit er bergab nicht grenzenlos hinterher hecheln musste, hatte der Mann an seinem Vorbau
ein kleines Brett montiert. Dort durfte der Hund, zusätzlich mit einem Karabinerhaken gesichert, auf der Abfahrt Platz
nehmen. Leider konnte ich diesem Schauspiel nicht zusehen. Ich überholte die Drei kurze Zeit später und sah sie
danach nicht wieder.
Auch der letzte Teil des Anstieges bot noch einmal neue Eindrücke. Nachdem die 2000er Marke erreicht wurde, befand
man sich nun endgültig in hochalpinem Gelände. Die Straße zog sich in einem langen Bogen um den Kessel der
Crap Alv und war geprägt von Geröllfeldern beidseits der Straße. Nach etwas mehr als 2 Stunden erreichte
ich schließlich die Passhöhe.
Die Aussicht vom Albulapass in Richtung Abfahrt nach La Punt
Ich gönnte mir dort eine Gulaschsuppe und ein Radler. Außerdem traf ich den Schwaben wieder. Seine ganze
Familie war mit dem VW-Bus ebenfalls auf die Passhöhe gefahren. So quatschten wir noch ein wenig, ehe ich mich auf
den Rückweg machte. Diese konnte ich dann allerdings nicht geniessen. Zum einen musste man, wie ich oben feststellen
durfte, mit Weidevieh auf der Fahrbahn rechnen. Zum anderen war auch des Öfteren Split auf der Straße zu finden.
Zu allem Übel fühlte sich mein Renner urplötzlich völlig instabil an. Im ersten Moment war ich mir
sicher, dass ich hinten einen Plattfuß hatte und war froh, das Rad zum Stehen zu Bringen. Zu meiner Überraschung
stellte ich aber fest, dass scheinbar alles in Ordnung war. Da ich auch sonst keinen Defekt feststellen konnte, fuhr ich
erstmal langsam weiter. Das instabile Gefühl war weg, aber so richtig wohl fühlte ich mich danach nicht mehr.
Daher war ich froh, als La Punt erreicht und damit die Abfahrt zu Ende war.
Fast flach ging es nun auf einer wieder stärker befahrenen Straße Richtung Zernez. Kurz davor noch eine
kleine Abfahrt und meine Tour und damit auch mein Urlaub waren zu Ende. Nach 116 km, 2700 hm und 4:50 h reiner Fahrtzeit
erreichte ich um kurz vor 15:30 Uhr wieder mein Auto. Nach kurzer Fahrt landete ich schließlich wieder in meinem
Hotel in Scuol. Ich ließ den Abend langsam ausklingen, ging noch mal lecker essen, packte meine Sachen und machte
mich am nächsten Morgen auf den Weg zurück nach Karlsruhe.
Fazit:
Ein Urlaub der Rekorde. Ich bin wohl selten soviel Auto gefahren in einem Radurlaub. Der Standort Scuol ist sicher
nicht optimal. Wobei das Gebiet welches ich in diesem Urlaub abgedeckt habe, einfach zu groß ist, um wirklich einen
optimalen Standort zu finden. Livigno wäre die erste Alternative gewesen. Leider ist der Tunnel nach dem Stausee aber
für Radfahrer inzwischen gesperrt. Einzige Möglichkeit als Radler durch den Tunnel zu kommen ist ein Shuttlebus,
welcher alle 90 Minuten verkehrt. Für mich keine echte Alternative. Zernez wäre wohl meine zweite Wahl geworden.
Allerdings ließ sich da so kurzfristig kein einigermaßen günstiges Zimmer buchen.
Trotz allem bin ich froh die Touren so gefahren zu sein. Schließlich sind auch andere Rekorde gefallen. Bei der
Auffahrt zur Kaunertaler Gletscherstrasse habe ich mehr Höhenmeter am Stück zurückgelegt, als jemals zuvor.
Mit dem Passo Mortirolo habe ich nicht nur meinen bisher schwersten Alpenpass bezwungen, sondern wohl den schwersten
Alpenpass überhaupt. Und nicht zuletzt habe ich mit dem Stilfser Joch auf 2758m Höhe den bislang höchsten
Punkt meiner Radsportkarriere erreicht. Ganz nebenbei war es auch der mit Abstand schönste Pass den ich je gefahren
bin. Der Anblick von der Franzenhöhe hinauf zum Steilhang werde ich so schnell nicht vergessen.
Trotz der schlechten Vorbereitung habe ich die Touren auch alle ganz gut überstanden. Am letzten Tag hatte ich
sogar noch das Gefühl, richtig gute Beine zu haben und bin dort wohl den schnellsten Schnitt gefahren. Das Wetter war
absolut traumhaft und wohl kaum noch zu toppen. Schade natürlich, dass mich Patrick nur auf einer Tour begleiten
konnte. Aber die Hoffnung ist da, nächstes Jahr wieder gemeinsam etliche Pässe der Alpen zu beradeln.