1. Teilnahme Ötztaler Radmarathon (230 km, 5250 hm) 29.08.10
Ich habe einen Traum… Als ich vor einigen Jahren die ersten Berichte über den Ötztaler Radmarathon gelesen hatte,
dachte ich nur wow, da würde ich auch mal gerne starten. Damals war es nur ein Traum, ein paar Jahre und etliche
Trainingskilometer später wurde aus dem Traum ein realisierbares Ziel. Und so saß ich am Samstagmorgen mit Steffi und Udo
vom Team Pamina zusammen im Auto und war auf dem Weg nach Sölden. Nach etlichen Staus kamen wir schließlich am frühen
Nachmittag in Sölden an. Nach einem kurzen Mittagessen im Hotel Grauer Bär, der Unterkunft von Steffi und Udo,
bezog ich meine Unterkunft im Hotel Appart Peter in Innerwald über den Dächern von Sölden.
Abends traf ich mich noch mit den anderen Mitgliedern des Teams Pamina, holte meine Startunterlagen ab und genoss noch mal
die gute Küche im Hotel Grauer Bär. Gesprächsthema Nr. 1 war natürlich das bevorstehende Rennen und die
katastrophalen Wetterprognosen. Abends legte ich mir dann auch so einiges an Klamotten für den nächsten Tag bereit.
Die Nacht endete bereits um 4:50 Uhr. Ich aß mein obligatorisches Müsli und checkte die Wetterlage, kalt aber trocken. Ich
entschied mich für die kurze Trikotvariante, zusätzlich gönnte ich mir Arm- und Beinlinge, ein langes Funktionsshirt,
eine ärmellose Windjacke und Überschuhe. So rollte ich um kurz nach 6 Uhr Richtung Start.
Als ich noch schnell am Hotel Grauer Bär vorbeischauen wollte, war dort bereits der erste Rennradler gestürzt. Nur
Minuten später war auch der Krankenwagen vor Ort. Zwar schien er sich keine schweren Verletzungen zugezogen haben, das Rennen
war für ihn aber vorbei, bevor es überhaupt begonnen hatte. Mit einem mulmigen Gefühl im Magen fuhr ich weiter zum Start,
an dem sich bereits gut 1.500 andere „Bekloppte“ versammelt hatten. Der nächste Schock ließ nicht lange auf sich warten. Ich hatte
morgens, weil es noch dunkel war, meine Sonnenbrille in die Trikottasche gesteckt. Als ich sie jetzt wieder rausziehen wollte, war sie
weg. Na prima, dachte ich mir, 4 lange Abfahrten ohne Brille, das wird spaßig. Andererseits sollte ich nicht hadern. Ich dachte an den
Verunglückten und dass bei mir die ganze Vorbereitung super gelaufen war. Das Wetter war prima und ich stand am Start. Ich sollte
zufrieden sein, fehlende Brille hin oder her.
Kurz vor dem Start zupfte ich noch mal meine Windweste zu recht und plötzlich flog mir meine Sonnenbrille entgegen! Ok, jetzt
war wirklich alles in bester Ordnung! Pünktlich um 6:45 Uhr erfolgte der Start und 7 Minuten später überquerte auch ich
die Startlinie. Die Abfahrt nach Ötz verlief völlig problemlos und ich dachte bereits auf diesem Abschnitt, hierher komme ich
wieder. Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn man morgens um 7 Uhr bereits von wildfremden Menschen angefeuert wird. Die Strecke war
natürlich komplett gesperrt und an jeder Verkehrsinsel stand ein fleißiger Helfer mit Trillerpfeife. Obwohl die Abfahrt nicht
sonderlich steil ist, erreichte ich bereits hier teilweise über 60 km/h und hatte das Gefühl, mein Rad würde heute richtig
gut laufen. Nach 40 Minuten erreichte ich auf Rang 1891 Ötz.
Das Feld noch geschlossen auf der Abfahrt von Sölden nach Ötz
Wie viele andere auch, wurden jetzt erstmal Klamotten ausgezogen. Die langen Handschuhe und die Windweste verschwanden in der Satteltasche.
Dann begann der erste Anstieg des Tages, das Kühtai. Ich fand in dem steilen Anfangsteil sehr schnell einen guten Tritt und überholte
bereits hier ständig andere Fahrer. Dies sollte sich den ganzen Anstieg über auch nicht mehr ändern. Obwohl das Kühtai
ziemlich unrythmisch zu fahren ist, fühlte ich mich sehr wohl. Selbst der steile lange Kilometer durch die Galerie mit über 14% im
Schnitt brachte mich und meinen Puls nicht aus der Ruhe. Kaum einmal zeigte mir mein Tacho Werte über 150 an. Nach 1:17 h erreichte ich
auf Platz 930 das Kühtai.
Ich lag bereits 8 Minuten unter meiner Sollzeit die auf 10 Stunden ausgerichtet war. Trotzdem war hier nicht die Zeit zum Bummeln. Ich aß in
aller Eile eine Kleinigkeit und füllte meine Trinkflaschen. Nach nicht einmal 5 Minuten saß ich wieder auf dem Rad. Schnell noch die Windweste
und die Handschuhe angezogen und ich stürzte mich in die Abfahrt nach Kematen. Bereits nach kurzer Zeit erreichte ich Geschwindigkeiten jenseits
der 85 km/h. Wirklich bedrohlich fühlte sich das aber nicht an. Die Straßen waren gesperrt und gut einsehbar. Außerdem herrschte kaum Wind und
der gute Asphalt tat sein Übriges. Eine gewisse Überwindung kostet es aber allemal mit solchen Geschwindigkeiten über Weidegitter
und in dunkle Galerien zu rasen. In dem legendären Steilstück vor Gries, in dem einige die 100 km/h-Marke knacken konnten, wurde diese
Geschwindigkeit aber nicht mehr getoppt. Ich hatte einfach zu viele Fahrer vor mir und demzufolge eine schlechte Sicht.
Wieder einmal zu langsam bergab. Auf der Abfahrt vom Kühtai.
Auf der weiteren Fahrt nach Kematen folgten dann noch 2 Schrecksekunden. Einmal rollte eine Wasserflasche vor mir quer über die Straße und
wenig später überholte ich einen Rennfahrer dessen Vorderlenker wie eine Nähmaschine zitterte. Unglaublich dass er sein Rad so
überhaupt noch auf der Straße halten konnte. Ich sah ihn in meinem geistigen Auge jedenfalls schon vor mir auf die Straße krachen. In Kematen
angekommen, begann dann bereits die Suche nach einer guten Gruppe den Brenner hinauf. Dies war der einzige Abschnitt in dem man im Windschatten viel
Kraft sparen konnte und dies wollte ich nutzen. So schloss ich mit etwas Mühe eine kleine Lücke zu einer größeren Gruppe. Mit zügigem
Tempo ging es so Richtung Innsbruck. Sollte diese Gruppe zusammenbleiben, würde es zügig den Brenner hinaufgehen.
Leider zerfiel sie sehr schnell auf dem verwinkelten Kurs durch Innsbruck. Die ersten steileren Kilometer am Brenner taten dann ihr Übriges.
Hier fuhr jeder nur noch sein eigenes Tempo. Trotzdem versuchte ich aufmerksam zu bleiben. Mein Blick war stets nach vorne gerichtet. Sollte sich hier
eine Gruppe bilden, wollte ich unbedingt dabei sein. Nach kurzer Zeit war es dann auch soweit. Aber auf die Idee am Brenner im Windschatten Körner
zu sparen, kamen natürlich auch andere. Und so kam es wie es kommen musste, die Gruppe funktionierte überhaupt nicht. Teilweise zeigte mein
Pulsmesser Werte im GA-Bereich. Die restliche Geschichte des Brenners ist schnell erzählt. Ich hielt mich oft vorne im Feld auf und wann immer
ein paar Fahrer nach vorne kamen und das Tempo verschärften, war ich dabei.
Aber bis zur Passhöhe wollte sich einfach keine funktionierende Gruppe bilden. So erreichte ich zwar etwas langsamer als gedacht, dafür aber
gut ausgeruht auf Platz 1175 die Passhöhe. Meine Stoppuhr zeigte 4:07 h an. Ich lag also trotz der Bummelei immer noch 10 Minuten vor meinem Zeitplan.
Wieder hielt ich mich nur kurz an der Labe auf. Nach gut 5 Minuten befand ich mich bereits in der Abfahrt nach Sterzing. Ich erwischte eine gute Gruppe und
wir ließen es ordentlich laufen. Trotzdem bestätigte mir das offizielle Ergebnis später das, was ich ohnehin schon ahnte. Ich bin ein schlechter
Abfahrer. Denn auch auf dieser Abfahrt verlor ich sage und schreibe 75 Plätze! Das kurze Flachstück zum Anstieg des Jaufenpasses nutzte ich noch
einmal um mich auszuruhen und rollte im Windschatten einer großen Gruppe.
Der Jaufenpass lief dann wie 2 Wochen zuvor im Urlaub. Ich legte gleich zu Beginn das größte Ritzel auf und fuhr fast den gesamten Anstieg mit der
gleichen Übersetzung. Noch fühlte ich mich auf dem Rad sehr wohl. Ich fand einen guten Tritt und überholte einen Fahrer nach dem anderen.
Allerdings konnte ich hier auch verstehen, warum manche den Jaufenpass für den wirklichen Gradmesser des Ötztaler Radmarathons halten. Es gibt
quasi keinen einzigen Meter, auf dem man mal die Beine hochnehmen kann. Zudem verläuft er recht öde im Wald und scheint kein Ende zu nehmen.
Auch ich sehnte nach einer Weile das Ende des Waldes herbei. So langsam spürte ich dann doch die bislang erklommenen Höhenmeter.
Blick vom Gipfel des Jaufenpasses auf den letzten Kilometer. Im Hintergrund das Jaufenhaus.
Als endlich das Ende des Waldes erreicht war, und die Passhöhe in Sicht kam, machte ich noch mal Druck. Bis zur Passhöhe musste man beim
diesjährigen Ötztaler aber gar nicht fahren. Die Labestation befand sich kurz unterhalb des Jaufenhauses. Ich wollte an dieser Labe eigentlich
nicht viel essen, sondern nur ein paar Dinge einstecken und mich oben verpflegen. Mit vollem Magen weiter bergauf zu fahren, schien mir keine gute Idee.
Aber die angeboten Sachen schmeckten einfach zu gut. Also machte ich doch eine kleine Pause, füllte meine Trinkflaschen und schüttet das letzte
bisschen Pulver Maltodextrin hinein. Außerdem steckte ich mir noch eine Banane in die Trikottasche. Mit den letzten Bissen im Mund saß ich knapp 5 Minuten
später angestrengt kauend schon wieder auf dem Rad und erklomm auch den letzten Kilometer bis zur Passhöhe.
Wieder hatte ich im Anstieg etliche Plätze gut gemacht und lag nun auf Rang 1089. Außerdem hatte ich mein Polster auf meine 10-Stunden Zielzeit
weiter erhöht. Meine Uhr zeigte knapp über 6 Stunden an. Somit lag ich immer noch 10 Minuten vor meinem Plan, hatte die Labe aber ja bereits hinter
mir. So langsam war ich mir sicher, dass ich mein Ziel erreichen würde. Zwar hatte ich am Ende des Jaufenpasses erstmals leichte Müdigkeit
verspürt, aber noch hatte ich keinerlei Beschwerden. Ich zog wieder Arm- und Beinlinge an, schloss meine Windweste und verschenkte meine Banane.
Ich hatte wohl doch genügend gegessen und würde sie nun nicht mehr brauchen.
Die Jaufenabfahrt machte dann zu Beginn richtig Spaß. Zwar wurde auch von offizieller Seite bereits im Vorfeld vor dem schlechten Straßenbelag gewarnt.
Mit dem sicheren Wissen hier nicht auf Gegenverkehr stoßen zu können, konnte man aber wunderbar mit den weiten Kurven spielen. Das machte einfach Laune.
Allerdings schien die Abfahrt ähnlich wie der Anstieg zuvor einfach kein Ende nehmen zu wollen. Mir schliefen so nach und nach die Finger ein und ich
machte mir in jeder Kurve ein bisschen mehr Sorgen, ob ich überhaupt noch würde bremsen können. So kam es wie es kommen musste. Einen Großteil
der Plätze, die ich am Anstieg gewonnen hatte, büßte ich hier wieder ein. Allerdings machte ich im Tal, direkt vor der Zeitnahme auch noch eine
ganz kurze Pause. Ich musste meine Blase leeren und verabschiedete mich endgültig von meinen Beinlingen.
Nach 6:33 h machte ich mich auf Platz 1176 liegend auf den Weg die letzte und zu gleich größte Herausforderung des Ötztaler Radmarathons zu
bestehen, das Timmelsjoch. In Zahlen bedeutet dies 30 km bergauf mit einem Höhenunterschied von 1.800 Metern. Zu Beginn durfte man sich aber auf nur
mäßig steilen Kilometern erst wieder ein wenig die Beine warm fahren. Nach Moos war es damit dann vorbei. Es folgten 6 steile Kilometer, von denen die
ersten 3 mit mehr als 9% im Schnitt aufwarten konnten. Trotzdem schien ich hier immer noch verhältnismäßig gut in Form zu sein. Denn wie auch an
allen anderen Anstiegen des Tages, überholte ich wieder ständig andere Fahrer. Einer davon fragte mich schon leicht gezeichnet, wann die
nächste Labestation kommen würde. Ich antwortete dass es noch 10 Kilometer dauern würde, die letzen 3 davon aber flach wären. Außerdem
bot ich ihm ein Gel an, ich schleppte ohnehin schon den ganzen Tag 6 Stück von mir in meiner Trikottasche spazieren. Aber er lehnte dankend ab.
Von nun an teilte ich mir das steile Stück wieder in kleine Abschnitte auf. Alle 500 Meter gab es im Wechsel entweder einige Schlücke Wasser
oder ein paar Meter im Wiegetritt. Für mich etwas überraschend, fühlte ich mich im Wiegetritt richtig wohl. Der Puls bewegte sich kaum nach
oben und so konnte ich ohne zusätzliche Anstrengung wenigstens einen Teil meiner Beinmuskulatur schonen. Durch diese Abwechslung war das steile Stück
bald überwunden. Das folgende Teilstück war zwar nicht mehr ganz so steil, zog sich aber lange hin. Immer wieder hoffte ich, bald auf das Flachstück
zur Labe Schönau zu stoßen.
Doch dieses ließ länger auf sich warten, als mir lieb war. Auf den letzten Metern spürte ich dann auch erstmals meinen linken Oberschenkel.
Lange würde es wohl nicht mehr dauern, bis ich mit Krämpfen Probleme bekommen würde. Aber damit hatte ich gerechnet. Ich lag gut in der Zeit
und sollte mir keine Sorgen machen. Die letzten 10 Kilometer von der Labe Schönau bis zum Gipfel würde ich schon irgendwie überstehen. Dann
endlich war das Flachstück erreicht. Von Euphorie getrieben, gab ich noch mal richtig Gas. „Was machst du hier eigentliche“ schoss es mir urplötzlich
durch den Kopf. Hier sind die letzten flachen Meter bis zum Gipfel, die letzte Chance der bereits langsam überforderten Muskulatur Ruhe zu gönnen.
Also solltest du das verdammt noch mal auch tun!“ Ich gehorchte meinem Kopf und rollte den Rest der Strecke bis zur Labe Schönau eher gemächlich dahin.
An der Labe bot sich dann ein gänzlich anderes Bild, als an den Laben zuvor. Während die bisherigen Versorgungsstellen eher von Hektik geprägt
waren, saßen hier massig Sportler auf dem Boden und ruhten sich aus. Viele davon bereits deutlich gezeichneter als ich. Aber ich verweilte auch hier nur ganz kurz
um meine Wasserflasche zu füllen und eine Kleinigkeit zu essen. Wie so oft gegen Ende eines Marathons griff ich liebend gerne zu den leckeren Kuchen. Nach
gut 5 Minuten ging es weiter. Ich saß gerade wieder auf dem Rad, da entschied ich mich doch noch, mir ein Gel zu gönnen. Ich hatte zwar nicht wirklich Hunger,
aber schaden konnte es nicht. Der folgende Kilometer war noch gut zu fahren, dann zog die Steigung auf über 6 % an und ich spürte, dass mein linker
Oberschenkelmuskel langsam wieder zu machte. Ich versuchte möglichst rund zu treten und sobald das Gefühl schlimmer wurde und ich kurz vor einem Krampf
stand, versuchte ich im Wiegetritt etwas Erholung zu finden.
Es folgten die wohl härtesten Kilometer des Ötztaler Radmarathons. Nach fast 200 km und über 4500 Höhenmeter waren zwei Kilometer mit
mehr als 10 % im Schnitt zu bewältigen. Obwohl auch danach noch einige harten Kilometer folgen würden, war dies mein nächstes Etappenziel. Diese
zwei Kilometer noch auf dem Rad verbringen ohne Krämpfe zu bekommen und ich wäre meinem Traum ein gutes Stück näher gekommen. Ich versuchte
jetzt vermehrt mit Rechts zu treten, wohl wissend, dass es nicht lange dauern würde, bis ich auch dort meine Probleme bekommen würde. Aber nur so,
konnte ich ohne großen Geschwindigkeitsverlust weiterfahren. Immer öfters musste ich nun in den Wiegetritt und es fiel mir immer schwerer, das Gefühl
des nahen Krampfes wieder loszuwerden. In der letzten Kehre des ersten Steilstückes dachte ich, es wäre endgültig vorbei. Nur mit viel Mühe
konnte ich einen Krampf verhindern und auf dem Rad bleiben.
So langsam von den Strapazen gezeichnet, während des Anstieges zum Timmelsjoch.
Wenige Meter später war plötzlich alles vorbei. Die Straße wurde etwas flacher und meine Beine fühlten sich urplötzlich wieder frisch an.
Ich gab sofort Gas, diesen Zustand wollte ich nutzen. Meine Geschwindigkeit stieg wieder auf 15 km/h und ich überholte zahlreiche Fahrer. Mittlerweile wuchs
auch die Zahl derer, die am Straßenrand freiwillig oder unfreiwillig eine Pause einlegten. Nach nicht einmal einem Kilometer folgten die letzten 3 steilen Kilometer.
Trotz Steigungswerten um die 10% fühlte ich mich immer noch unglaublich fit. Ich schaffte es die Geschwindigkeit bei fast 10 km/h zu halten und war um jeden
Meter froh, an dem ich keine Probleme mit meinem Oberschenkel hatte. Kurz vor der letzten Kehrengruppe war der Spaß dann vorbei, mein Muskel meldete sich wieder.
Aber jetzt ließ ich mich davon auch nicht mehr aufhalten. Ich wusste, dass ich nur noch einen Kilometer bis zum Tunnel vor mir hatte.
Zwar müde aber auch vom nahem Gipfel euphorisiert. Auf dem letzten steilen Kilometer am Timmelsjoch.
Es waren immer nur wenige 100 Meter bis wieder eine Kehre auf mich wartete. So dauerte es nicht lange und ich erreichte den Tunnel. Ohne mich großartigen
Emotionen hinzugeben, fuhr ich weiter. Es galt noch einmal Geschwindigkeit aufzunehmen und die letzten eher flachen Kilometer zur Passhöhe zu bezwingen.
Mit über 20 km/h im Schnitt bewältigte ich diesen Abschnitt und erreichte nach 8:56 h auf Platz 1009 liegend die Passhöhe. Längst war mir
klar, dass ich mein Ziel den Marathon in unter 10 Stunden zu finishen auf jeden Fall erreichen würde. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte mir, dass ich sogar
eine Zeit unter 9:30 h erreichen konnte. Ich zog kurz meine Windweste und die Ärmlinge an und stürzte mich knapp 2 Minuten später in die Abfahrt
Richtung Sölden. Rückwirkend betrachtet, hätte ich mir diese Zeit lieber sparen sollen.
Auf dem Gipfel des Ötztaler Radmarathons und fast am Ziel meiner Träume.
In der Abfahrt ließ ich es wieder richtig laufen. Nach kurzer Zeit folgte der gefürchtete Gegenanstieg. Ich hatte ihn aus meinem Urlaub zwei Wochen
zuvor nicht als großes Hindernis empfunden. Allerdings hatte ich damals auch nicht die Zeit im Nacken sitzen. Diesmal war dies natürlich anders. Folglich
gab ich noch mal alles. Mit über 16 km/h im Schnitt flog ich förmlich an meinen Mitstreitern vorbei. Aber scheinbar hatte ich den Anstieg doch
unterschätzt. Nach knapp 2/3 der Strecke begann mein Motor zu stocken. Der linke Oberschenkel zwickte wieder beängstigend und auch sein Gegenpart
auf der rechten Seite machte nun sprichwörtlich Zicken. Ich hatte wieder Mühe ohne Krampf auf dem Rad zu bleiben, schleppte mich aber noch gerade so
über den Kulminationspunkt. Nach kurzer Erholungspause hieß es jetzt noch einmal alles zu geben.
Nochmal mit Vollgas ins Tal. Die letzten Kilometer auf dem Weg ins Ziel.
Ich versuchte mich zwar einerseits im Windschatten anderer Fahrer aufzuhalten. Sobald ich aber merkte, dass diese nicht mehr in der Lage waren, richtig
Druck zu machen, zog ich vorbei und fuhr selbst im Wind. So überholte ich noch einmal etliche Fahrer und schloss einige Lücken. Der zweite kurze
Gegenanstieg bei Zwieselstein wurde demzufolge auch einfach weggedrückt ohne große Geschwindigkeitseinbußen hinzunehmen. Für diesen letzten Kraftakt
musste ich aber postwendend bezahlen. Wieder zuckten meine beiden Oberschenkel und ich sah mich schon wenige Meter vor dem Ziel zum ersten Mal vom Rad steigen.
Doch meine Muskeln hatten ein weiteres Mal Erbarmen mit mir. Ich fuhr ein paar Meter im Stehen bergab und sorgte so für die nötige Erholung.
Der Rest des Rennens war nur noch pure Freude. Wir erreichten die steile Ortseinfahrt von Sölden und wurden von zahlreichen Zuschauern angefeuert. Es
folgte die letzte Kurve und die Fahrt über die Brücke und ich war im Ziel. Ich hatte es geschafft. Mein Traum war erfüllt! Wie ich nur kurze Zeit
später erfuhr hatte ich die 9:30 h zwar knapp verfehlt, mit 9:31:42 mein eigentliches Ziel unter 10 Stunden zu fahren aber deutlich erfüllt. Die reine Fahrt
zeit betrug knapp über 9 Stunden. Ich hatte insgesamt also nur Standzeiten von einer halben Stunde .Die Zeit reichte dann auch für eine Platzierung unter
den ersten 1.000 von knapp 4.000 Startern. Auch dies hätte ich zu Beginn nicht für möglich gehalten. Jetzt wollte ich aber nur noch unter die Dusche.
Ich schleppte mich mehr schlecht als Recht zu meiner Unterkunft in Innerwald, duschte und ließ das Rennen in Gedanken noch einmal Revue passieren.
Kurze Zeit später war ich wieder im Zielbereich und stärkte mich auf der kostenlosen Pastaparty. Obwohl Pastaparty das angerichtete Buffet nicht
wirklich beschreibt. Ca. 5 unterschiedliche Nudelgerichte, Kartoffelspeisen, Kaiserschmarren, Gemüse und Salate wurden gereicht. Der Ötztaler Radmarathon
zeigte sich auch hier von seiner besten Seite. So gestärkt sah ich mir später noch im Zielbereich die Fahrer an, die deutlich über 12 Stunden
unterwegs waren. Einigen sah man die Anstrengungen des Marathons deutlich an. Die meisten aber waren einfach nur glücklich und feierten sich selbst, oder
ließen sich von Freunden und Bekannten feiern. Auch dies ist eben eine Seite des Ötztaler Radmarathons. Die ersten 2-3 % fahren um den Sieg und betreiben
den Sport professionell bzw. betreiben einen ähnlich hohen Aufwand wie die Profis. Die nächsten 50-60 % kämpfen um eine persönliche Bestzeit
und der Rest kämpft einfach nur ums durchkommen. Als schon langsam die Dämmerung über Sölden hereinbrach und ich wieder auf dem Weg Richtung
Innerwald war, kamen mir immer noch Fahrer entgegen.
Nachdem Petrus während des gesamten Rennens schützend seine Hand über die Teilnehmer gehalten hatte, öffnete der Himmel in der Nacht von
Sonntag auf Montag wieder seine Schleusen. Über 1800 Meter Höhe schneite es sogar kräftig und das Timmelsjoch musste am Montag wegen Neuschnees
gesperrt werden! Ich machte mich um 10 Uhr morgens zusammen mit Steffi und Udo, die ihren ersten Ötztaler ebenfalls erfolgreich absolviert hatten, wieder
auf den Weg Richtung Heimat. Schon da war mir tief im Inneren klar, dass ich der Geschichte Ötztaler Radmarathon eines Tages ein weiteres Kapitel
hinzufügen würde.
Fazit:
Ich habe einen Traum… mit diesen Worten begann mein Bericht. Den Traum habe ich mir heute erfüllt. Und die Veranstaltung selbst ist auch ein Traum. Das Wetter
war natürlich grandios. Kein Tropfen Regen während der gesamten Veranstaltung hatten nicht einmal die kühnsten Optimisten erwartet. Zudem spielten
mir die kühlen Temperaturen sicher in die Karten und waren mit ein Grund, für meine gute Leistung. Der Marathon ist außerdem topp organisiert. Fast die
komplette Strecke war komplett gesperrt, an gefährliche Stellen wurde nicht nur im Vorfeld sondern direkt auf der Strecke durch Streckenposten hingewiesen.
Servicefahrzeuge u.a. von Mavic sorgten dafür, dass selbst Laufrad-Schäden nicht das Aus bedeuteten. Und zu guter Letzt war die Verpflegung natürlich
vom Feinsten. Auch an den Labestationen waren dutzende fleißige Helfer vor Ort, die einem Wasserflaschen füllten und Essen reichten. So verlor ich trotz der
hohen Teilnehmerzahl kaum Zeit an den Laben. Leider hatte ich nicht die Muse mich lange an den Versorgungsstationen aufzuhalten und all die Köstlichkeiten
zu genießen. Vielleicht sollte ich mir für den nächsten Ötztaler 13 Stunden Zeit nehmen und mir mein Startgeld komplett an den Laben erstatten
lassen.
A propos nächster Ötztaler. Hätte man mich direkt nach dem Zieleinlauf gefragt, ob ich nächstes Jahr wieder kommen würde, hätte
ich nicht sicher mit Ja antworten können. Schließlich gibt es noch so viele Marathons in den Alpen, wie die Marmotte in Frankreich oder den Dolomiten-Marathon
in Italien, die ich gerne einmal fahren würde. Außerdem könnte ich mit meiner erreichten Zeit nun auch den härtesten Marathon der Alpen, das
Alpenbrevet in Andermatt in Angriff nehmen. Aber heute, knapp eine Woche später fällt es mir bereits schwer, nicht an einen Start im nächsten
Jahr zu denken. Mit besseren Abfahrten, noch weniger Zeit an den Laben und einem weiteren Trainingsjahr in den Beinen wäre dann vielleicht sogar eine Zeit
unter 9 Stunden möglich. Und ich muss gestehen, dass dieses Ziel durchaus einen gewissen Reiz auf mich ausübt. Warten wir also ab, was das nächste
Jahr bringt…