Ich beginne meinen Bericht diesmal mit der Vorbereitung auf diesen Urlaub. So eine Transalp benötigt eben ein wenig mehr Planung als ein "normaler" Radurlaub.
Wen dies nicht interessiert, sollte den folgenden Abschnitt daher überspringen. Die Planung, welcher bei mir immer besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt wird,
begann bereits Ende letzten Jahres. Vorfreude ist schließlich die schönste Freude. Zunächst wurden die Anstiege ausgewählt, die ich auf jeden Fall
fahren wollte, und daraus eine Strecke geplant.
Meine Route durch die französische Alpen. Im Download-Bereich als kml-Datei abrufbar.
Dann wurde versucht, das ganze in sinnvolle Tagesetappen zu gliedern und dabei günstige Etappenorte zu finden, in
denen man auch problemlos Unterkünfte findet. Schließlich musste noch die geeignete Zeit gefunden werden, dabei war vor allem die Tour de France zu beachten.
Außerdem legte ich den einzig geplanten Ruhetag auf Sonntag. Zum einem um dem evtl. verstärkten Wochenendverkehr aus dem Weg zu gehen. Zum anderen um nicht
am Sonntag irgendwo in Niemandsland unterwegs zu sein und nirgends die Möglichkeit zu haben, Essen und Trinken zu kaufen. Last but not least, musste die Frage
nach dem Rücktransport geklärt werden. Im Prinzip gibt es drei Möglichkeiten, TGV, Mietwagen, Flieger. Mietwagen lohnt sich bei einer Person nicht.
Beim Flieger hat man das Problem mit dem Radkoffer/Karton, blieb also nur der TGV. Wer wie ich früh bucht (ab 3 Monate vor Fahrt werden die Kontingente freigeschaltet)
kommt auch noch günstig an Tickets. Ich habe 53,-- Euro für die Strecke Genf - Nizza bezahlt, dazu kommen 10 Euro für die Reservierung des Radplatzes
und 10 Euro Bearbeitungsgebühr. Der Radplatz ist nicht online buchbar und muss zusammen mit dem normalen Ticket über das SNCF-Büro in Köln gebucht
werden. Da es nur wenige Plätze gibt, sollte man schnell buchen. Den Versuch über die im Internet angegebene Telefonnummer jemanden zu erreichen, kann man
sich sparen. Ich hab nach 60 Minuten Warteschleife aufgegeben. Besser man schreibt Sie über das Kontaktformular an, dann erhält man schnell ein Angebot.
Zum
Schluss stellte sich noch die Frage, wo parken? Da es in Genf keine kostenlosen Parkplätze gibt, wählte ich als Startort Annemasse. Dort gibt’s am Friedhof
einen großen kostenlosen Parkplatz. Damit war die Streckenplanung abgeschlossen. Bleibt noch die Frage was kommt mit. Es gibt im Netz unzählige Packlisten.
Letztlich muss jeder selbst entscheiden, was er mitnimmt. Es ist eben immer eine Abwägung, wie wahrscheinlich brauche ich einen Gegenstand, was würde es
bedeuten, ihn im Notfall nicht dabei zu haben und natürlich, was wiegt er. Meine Packliste ist hier veröffentlicht. Als Kartenmaterial habe ich die Michelinkarten
Regional, Blatt 357 und 358 dabeigehabt. Um aber selten auf die Karte schauen zu müssen, hatte ich pro Tag ein Din-A4-Blatt in Klarsichtfolie
in der Lenkertasche verstaut und damit schnell erreichbar.
Darauf war auf der Vorderseite das Etappenprofil, die Höhenprofile der Pässe eine kurze Wegbeschreibung
der Etappe und auf der Rückseite ein aus viamichelin.de kopierter Kartenausschnitt. Und nicht zuletzt hatte ich die letzten Monate auch versucht, meine längst
verschollen geglaubten Französisch-Kenntnisse auszupolieren. Soviel zur Planung.
Der Tag begann um 3:50 Uhr. Ich frühstückte schnell, packte die letzten Sachen ins Auto und machte mich um 4:45
Uhr auf den Weg nach Annemasse. Bis auf einen kleinen Stau bei Bern, kam ich gut voran und war so bereits um 9:30 Uhr in
Annemasse. Schnell fand ich den Friedhof und fand dort auch einen Parkplatz. Die Wetterprognosen sahen für den ersten
Tag katastrophal aus. Von starken Regenschauern bis Gewitter war alles vorhanden. Ich hatte mir daher schon im Vorfeld die
Zugverbindungen angeschaut. Von Annemasse hätte ich bis Sallanches den Zug nehmen können und so nur noch 55 km
und einen Pass vor mir gehabt. Da es in Annemasse aber trocken war, beschloss ich mein Glück auf der geplanten Strecke
zu versuchen. Ich war noch keine 5 Minuten unterwegs, da öffnete der Himmel seine Schleusen und sollte sie so schnell
auch nicht wieder schließen. Aber irgendwie war mir das ziemlich egal. Nach monatelanger Planung und Vorfreude war
ich endlich unterwegs nach Nizza!
Mein Weggefährte in den nächsten 8 Tagen. Dazu gab es noch einen Vaude-Rucksack mit 25 l Stauvolumen
Zunächst ging es leicht bergauf nach Bonne und mir wurde trotz des inzwischen starken Regens warm. Es folgte ein
leicht abfallendes Stück nach Bonneville. Auf diesem Streckenabschnitt war Vorsicht geboten, der Straßenbelag war
vor allem am Straßenrand sehr schlecht und durch das viele Wasser auf der Strasse war es schwer die Unebenheiten
rechtzeitig zu erkennen. Trotzdem erreichte ich ohne Probleme Bonneville. Dort fuhr ich zunächst in die falsche Richtung,
merkte es aber schnell und kehrte um. Gute Entscheidung, nicht nur dass ich wieder auf dem richtigen Weg war. es wurde in
dieser Richtung auch wieder heller am Himmel. Vielleicht sollte ich ja Glück haben und es würde irgendwann wieder
aufhören zu regnen. Und so war es denn auch. Kurz nach Bonneville beginnt der Anstieg zum Col des Aravis und es wurde
trocken. Der Anstieg verläuft schön und nur mäßig steil an der Borne entlang. Ich war jetzt bestens
gelaunt, froh endlich im Urlaub zu sein, summte ich ein Lied vor mir her.
Kurz nach Bonneville. Blick zurück auf der noch nassen Strasse während des Anstieges zum Col des Aravis
Es folgte ein kurzes Flachstück ehe es vor
St. Jean de Sixt wieder steiler wurde. Kurz davor machte ich in einem kleinen Bushaltestellen-Häuschen eine kleine
Pause und aß etwas. Danach ging es weiter. Es wurde wieder dunkler und leider nahm auch der Verkehr etwas zu. Kurz
vor Clusaz war es dann soweit, es regnete wieder. Dafür ließ der Verkehr, je weiter man sich von La Clusaz
entfernte, mehr und mehr nach. Die Straße wurde jetzt deutlich steiler und ich spürte erstmals meine Beine. Auch
der Regen nahm noch einmal deutlich zu. Kurz vor dem Gipfel erkannte ich den Unterschlupf, an dem ich zusammen mit Patrick
vor 5 Jahren vor dem Regen Schutz suchte. Damals war es nur ein kurzer Schauer. Ich musste unwillkürlich schmunzeln.
Ich war heute schon länger im Regen gefahren, als wir damals im gesamten Urlaub überhaupt Regen gesehen hatten.
Während die Strasse bislang eher gerade das Tal hinauf verlief, leiteten nun Serpentinen den letzten Kilometer ein.
Und plötzlich wurde ich auch von heftigem Wind begrüßt. Das ganze wurde so schlimm, dass ich mich auf
gerader Strecke nach rechts legen musste, um nicht umgeworfen zu werden. In den Serpentinen kam er kurzzeitig von vorne
und ich fiel fast um, weil ich nur noch 5 km/h auf dem Tacho hatte. Ich überlegte deshalb sogar, auszuklicken. Dann
kam Gott sei Dank die Passhöhe in Sicht. Oben angekommen suchte ich erstmal Schutz im Gipfelrestaurant und gönnte
mir eine heiße Schokolade und aß noch etwas. Bei diesem Wind konnte ich unmöglich abfahren.
Blick aus dem Gipfelrestaurant am Col des Aravis. Übelster Wind und Regen ohne Ende
Es dauerte etwa
30 Minuten bis ich das Gefühl hatte, der Wind würde nachlassen. Ich zog so ziemlich alles an, was ich dabei hatte. Leider war nicht alles trocken, der Regenüberzug meiner Satteltasche war wohl nicht 100% wasserdicht. Die folgende Abfahrt war dann auch die Hölle. Der Wind hatte zwar in der Tat nachgelassen zupfte aber trotzdem beständig an meiner Windjacke und meinem Rucksack. Außerdem war mir schweinekalt und ich fing an zu zittern, was meine Fahrt auch nicht stabiler machte. Zudem griffen die Bremsen bei der Nässe kaum. Da außerdem etliche Serpentinen zu überwinden waren, war ich eigentlich nur am Bremsen. Und das ganze Wasser das über die Strasse lief, machte es unglaublich schwer, die Unebenheiten des Straßenbelages zu erkennen. Ich war Gott froh, als kurz vor Flumet ein kurzer Gegenanstieg folgte und die Abfahrt kurz danach ganz vorüber war. In Flumet angekommen, wählte ich die westlich verlaufende Alternativroute zum Col des Saisies, weil diese abwechslungsreicher sein sollte. Meine Schuhe waren trotz der Regenüberschuhe inzwischen so nass, dass jede
Pedalumdrehung eher einem Wassertreten gleich kam. Immerhin wurde es mir durch die Steigung und die daraus resultierende
Anstrengungen wieder warm. Ich wechselte schnell das Trikot und fuhr weiter. Der Anstieg ist in der Tat sehr abwechslungsreich
zu fahren, nur leider war von der Landschaft gar nichts zu sehen. Je mehr ich mich nun der Passhöhe näherte, desto
windiger wurde es wieder. Es war zwar bei weitem nicht so schlimm wie am Col des Aravis, aber schlimm genug um mich langsam
auszukühlen. Oben angekommen zog ich mich wieder um, aß noch mal etwas und musste feststellen, dass mein HAC5
nicht wasserdicht war. Na toll, mein alter billiger Sigma, hatte die bisherige 3 Stunden Regenfahrt ohne Murren überstanden,
während in meinem teuren HAC5 sich so langsam das Wasser sammelte. Hoffentlich würde er es überleben, ich
fahre ungern ohne Puls und Trittfrequenz-Daten. Das ganze war umso ärgerlicher, weil in meiner Packliste eine
Frühstückstüte und Gummis zum befestigen als Regenschutz für den Tacho aufgeführt sind und ich
diese auch dabei hatte. Tja, die beste Packliste ist halt nichts wert, wenn man die Sachen nicht benutzt.
Auf der Passhöhe des Col des Saisies. Bei strömendem Regen alleine unterwegs.
Auf der Abfahrt
dann das Gleiche wie am Pass zuvor, nur dass ich noch mehr zitterte. Ich war über jedes kleine Flachstück froh,
in dem ich durch Mittreten den Puls wieder etwas noch oben treiben konnte. Nach einer endlos erscheinenden Abfahrt erreichte
ich dann ziemlich durchnässt und durchgefroren endlich Beaufort und fand auch gleich das Hotel du Grand Mont. Dies und
das letzte Hotel in Nizza hatte ich bereits vorreserviert und war an diesem Tag auch sehr froh, nicht noch auf die Suche
gehen zu müssen. Nach ca. 100 km und 2100 hm endete damit meine erste Etappe um 15:45 Uhr. Ich stellte mich erstmal
für 20 Minuten unter die heiße Dusche. Dort hörte ich dann auch irgendwann wieder auf zu zittern. Ich wusch
meine Klamotten, kaufte eine Kleinigkeit ein und machte noch ein kleines Nickerchen. Danach legte ich mein Rad ein wenig
trocken, ölte die Kette neu, schaute ein wenig Tour de France und ging um 20:00 Uhr zum Abendessen. Abends telefonierte
ich noch mit Eva und erfuhr, dass es zumindest morgen früh auch noch regnen sollte. Aber egal, der erste Tag war
überstanden und schlimmer sollte es wohl nicht mehr werden. Dachte ich damals jedenfalls, so kann man sich täuschen.
Um kurz vor 10 Uhr fiel ich müde ins Bett und schlief auch sofort ein.
Ich hatte gut geschlafen und wachte um 6:30 Uhr auf. Eine halbe Stunde später saß ich bereits am Frühstückstisch.
Es dauerte allerdings bis 7:30 Uhr bis alles fertig war. Dafür war die Auswahl für französische Verhältnisse
gut. Es gab ein wenig Müsli, Wurst, Käse und Joghurt und natürlich Baguette und Croissants. Ich hatte nicht
wirklich viel Hunger und da ich vom Start weg bergauf fahren musste, hielt ich mich entsprechend zurück. Um kurz nach
8:30 Uhr saß ich bereits auf dem Rad. Für das Zimmer einschl. Frühstück und Abendessen hatte ich übrigens
80 Euro bezahlt. Für meinen Geschmack ein bisschen viel für ein Zimmer dessen Bad/WC aus einer eingebaute Campingdusche
bestand. Aber Beaufort bietet auch nicht wirklich viel Auswahl was Hotels betrifft. Es war morgens zwar bewölkt aber trocken.
Als erster Anstieg stand der Col du Pré auf dem Programm. Ich wählte diese Alternative zum Cormet de Roselend, weil man
von dort angeblich einen schönen Blick auf den Stausee Barage de Roselend hätte. Der Anstieg war anfangs noch
angenehm zu fahren, wurde aber nach oben hin immer steiler. Unterwegs traf ich drei Franzosen mit denen ich kurz plauderte,
sie schon bald aber hinter mir ließ. Je höher ich dem Gipfel kam, desto nebeliger wurde es. Irgendwann bildeten
sich kleine Wassertröpfchen auf meinem Unterarm. Ansonsten gab es aufgrund des Wetters nicht viel zu sehen. Dafür
war der Anstieg sehr abwechslungsreich zu fahren und mit vielen Serpentinen gespickt. Als Abfahrt kann ich ihn aber nicht
empfehlen. Im unteren Bereich hat der Asphalt viele tiefe Risse. Ab und zu bildete ich mir ein, die Sonne würde den
Kampf mit dem Nebel gewinnen. Leider täuschte ich mich. Ganz im Gegenteil es fing wieder an zu regnen. So machte ich oben angekommen keine Pause sondern fuhr gleich
weiter ohne weitere Klamotten anzuziehen. Das sollte ein Fehler sein. Die Abfahrt zum Stausee war zwar nur kurz. Es reichte
aber aus, um mich komplett auszukühlen. Leider war es immer noch so neblig, dass ich den Stausee wirklich erst kurz
zuvor und auch nur teilweise erkennen konnte.
Fast schon gespenstig. Die Straße ins nichts vorbei am Stausee Lac de Roselend
Bei schönem Wetter hätte man von oben sicher einen wunderschönen
Blick gehabt. Es folgten noch ein kurzer Anstieg und eine kurze Abfahrt, ehe es weiter bergauf zum Cormet de Roselend ging.
Die 400 noch fehlenden Höhenmeter waren schnell geschafft und nicht mehr so steil wie am Col du Pré. Glücklicherweise
war es oben nicht so windig wie tags zuvor und es hatte inzwischen auch wieder aufgehört zu regnen. Dafür gab es auch kein Restaurant. Ich aß eine Kleinigkeit und gönnte
mir dann alles an Klamotten was ich dabei hatte. Die Abfahrt wusste anfangs zu gefallen. Ein guter Belag und weite Kurven,
so wie es mir gefällt. Später mussten etliche Serpentinen überwunden werden. Zum Schluss dann wieder weite
Kurven und eine rasante Fahrt. Diesmal war mir glücklicherweise nicht ganz so kalt. Das lag eventuell auch daran, dass
ich erstmals in diesem Urlaub auch die Sonne so richtig zu sehen bekam. In Bourg St. Maurice angekommen, ließ ich die
Klamotten trotzdem an und fuhr mich auf leicht ansteigender Straße bis Seez erstmal wieder so richtig warm. Dort wechselte
ich dann wieder auf Sommeroutfit. Kurze Zeit später das erste Schild Col de l'Iseran - 43 km. Da musste ich dann erstmal
schlucken, ich musste jetzt wohl mit 2-3 Stunden bergauf fahren rechnen. Zunächst noch fast flach, beginnt 39 km vor dem
Gipfel der erste Teilanstieg bis Tignes. Dies stellte mein erstes Ziel dar. Der Anstieg war auch gut zu fahren. Keine wirklich
steilen Stücke ließen mich gut vorankommen. Auch der Verkehr war sehr überschaubar, zwar deutlich mehr als
am Col du Pré, an dem ich fast alleine unterwegs war, aber noch lange nicht störend. Nach ca. der Hälfte dieser
Strecke, meldete mein Magen langsam Hunger und auch meine Wasservorräte gingen zu Ende. Kurze Zeit später erblickte
ich aber glücklicherweise die Staumauer des Lac du Chevril und freute mich auf eine Pause.
Endlich besseres Wetter. Blick vom Lac du Chevril bei Tignes in Richtung Passhöhe des Col de l'Iseran
Ich bog rechts nach Tignes
ab und wollte dort meine Wasserflaschen füllen. Tignes scheint im Sommer aber ausgestorben zu sein. Ein Autofahrer gab mir
den Tipp, es auf der anderen Talseite zu versuchen. Dort fand ich aber auch kein Wasser. Dafür in einem Garten eine
campende Familie. „Hilft jetzt alles nichts, die müssen dran glauben“ dachte ich mir. Ich setzte also ein mitleidiges
Gesicht auf und fragte höflich, ob sie mir meine Wasserflaschen füllen könnten. Es waren Engländer und
sie boten mir zunächst Wein und später auch noch an, mich mit an den Tisch zu setzen, sie hätten gute Sandwichs.
Ich muss gestehen, so kurz hab ich tatsächlich überlegt mich dazuzusetzen. Aber noch hatte ich selbst etwas zu
essen dabei und so wirklich lange Pause machen wollte ich auch nicht, der Weg war noch weit. So nahm ich dankend das Wasser
an, fuhr zurück zum Stausee und machte dort eine kurze Pause. Auf dem folgenden fast flachen Stück nach Val d'Isère
kam ich zwar gut voran, ich spürte jedoch in den Beinen bereits deutlich die vielen Höhenmeter des Tages. Nach Val
d'Isère dann die nächsten 16 km bis zum Gipfel wieder mit ca. 6 %. Hier war jetzt fast nichts mehr los. Da inzwischen
auch die Sonne immer mehr die Oberhand gewann, kam erstmals in diesem Urlaub die Sonnencreme zum Einsatz. Die Straße
zieht sich in diesem Bereich eher langweilig das Tal nach oben. Später musste ich dann die ersten Serpentinen überwinden.
Ca. 4km vor dem Gipfel erreichte ich in der letzten Rechtskehre einen Aussichtspunkt. Man muss zwar sein Rad ca.50 Meter
nach links über einen Schotterweg schieben, aber es lohnt sich. Leider verschleierten mir tief hängende Wolken
ein wenig die Aussicht. Trotzdem lohnte sich der kurze Marsch. Bei wolkenlosem Himmel muss es hier oben traumhaft sein.
Die Berge im Kampf mit den Wolken. An der Aussichtsplattform 4 km vor dem Gipfel des höchsten Alpenpasses
Ich
gönnte mir noch ein Riegel und ein Gel und ging die letzte Kilometer an. Es dauerte nicht lange und ich erreichte den
Scheitelpunkt des höchsten Alpenpasses. Leider zog wieder Nebel auf und daher hielt sich die Aussicht in Grenzen. Ich
verzichtete daher auf eine lange Pause und zog wieder sämtliche Klamotten an, ehe ich mich in die Abfahrt stürzte.
Diese wusste anfangs trotz des holprigen Straßenbelages zu gefallen. Ab Bonneval-sur-Arc flachte die Strasse dann fast
komplett ab. Hier begrüßte mich dann heftiger Gegenwind. Mit einem gefühlten Puls von 160 (genaue Werte
hatte ich keine mehr, mein HAC5 hatte aufgrund des Wasserschadens endgültig seinen Geist aufgegeben) schaffte ich keine
25 km/h mehr. Ich überlegte ernsthaft auf einer Abfahrt anzuhalten und mir noch ein Gel reinzuziehen. Ich hätte kotzen
können und hätte am liebsten angehalten und mein Rad in den Straßengraben geschmissen. Es gibt halt nichts
schlimmeres, als auf einem Streckenabschnitt, den man eigentlich zur Erholung eingeplant hatte, plötzlich an seine
Grenzen gehen zu müssen.
Auf den letzten Metern der Abfahrt vom Col de l'Iseran. Blick auf Bonneval sur Arc
Nach einiger Zeit überholte mich ein anderer Radler. Ich ließ in ziehen, ich fuhr
eh nur noch im Delirium und hatte Mühe mich zu konzentrieren. Ein paar Sekunden später wurde mir klar, wie
blöd das war. Wenn ich jetzt etwas brauchen konnte, dann Windschatten. Also mobilisierte ich meine letzten Energiereserven
und schloss die Lücke wieder. Danach über mehrere Minuten dasselbe Spiel. Immer wieder ließ ich eine kleine
Lücke klaffen um sie postwendend wieder zu schließen. Mein Kopf schien einfach nicht mehr bereit, den Beinen
dauerhaft zu befehlen, Druck auszuüben. Trotzdem half mir der Windschatten weiter. Leider bog der Radler kurze Zeit
später in einen Parkplatz ab, ich schaffte es gerade noch ein leises Merci über meine Lippen zu pressen. Doch kurz
danach hatte ich es geschafft. Noch ein ganz kurzer, aber in Anbetracht meiner Verfassung harter Anstieg zum Col de la
Madeleine und dann ein schnelle kurvenreiche Abfahrt nach Lanslevillard. Nach 120 km und 3500 hm war ich um kurz vor 17:00
Uhr endlich am Ziel. Ich kaufte schnell etwas zu Essen und Trinken und buchte über das Tourismusbüro ein Chambre
d'hotes. Danach the same procedure as every day. Duschen und Klamotten auswaschen. Dabei stellte ich fest, dass ich einen
Handschuh verloren hatte. Aber was solls, Karstadt Sport wird sich freuen, kauf ich wenigstens mal wieder was anstatt das
Personal von der Arbeit abzuhalten. Ich machte noch ein Nickerchen und ging um 20:30 Uhr Essen. Es gab Kartoffelgratin und
ein kleines Radler für 6 Euro (wohlgemerkt nur für das Bier!). Bevor ich ins Bett ging, kam noch der Franzbranntwein
zum Einsatz. Meine Beine fühlten sich alles andere als gut an. Und auch mein Ruhepuls zeigte deutlich: Das war heute
ein wenig zu viel des Guten. Bereits hier fasste ich den Entschluss, auf den Col d'Agnel in zwei Tagen zu verzichten.
Deutlich mehr als 3000 hm wollte ich mir nicht noch einmal antun.
Der nächste Tag begann um 6:45 Uhr. Ich hatte schlecht geschlafen und immer noch einen erhöhten Ruhepuls. Aber
heute stand ja glücklicherweise eine eher leichte Etappe auf dem Programm. Um 7:30 Uhr saß ich beim Frühstück.
Es gab zwar weder Wurst noch Käse aber sonst war es ok. Für das Zimmer im Hotel Le Manujo zahlte ich einschl.
Frühstück 24 Euro, ein echtes Schnäppchen also. Um 8:45 Uhr saß ich bereits auf dem Rad. Meine Klamotten
waren zwar noch klamm, aber Gott sei Dank trocknen sie buchstäblich in Windeseile am Körper. Es schien heute ein
richtig schöner Tag zu werden, jedenfalls begrüßte mich morgens schon die Sonne. Mein Weg führte mich
zunächst weiter talabwärts. Der Gegenwind vom Vortag war immer noch vorhanden. Ab Modane wurde es dann aber besser.
Den kurzen Gegenanstieg davor bemerkte ich kaum. Bald danach erreichte ich St. Jean de Maurienne und der Anstieg zum Col du
Télégraph begann.
Auf der Abfahrt vom Col de l'Iseran kurz vor Modane. Blick auf das Fort Redoute Marie-Thérèse
Anfangs noch in der Sonne, erreichte ich schon bald den schattenspendenden Wald. Trotzdem floss der Schweiß
bereits hier. Der Telegraph ist zwar sozusagen nur die Vorspeise für den Col du Galibier, aber 12 km mit über 7% im
Schnitt wollen erstmal überwunden werden. Irgendwie erinnerten mich die ersten Meter an Alpe d'Huez. Denn auch am Telegraph
darf man bereits von unten einen Blick nach oben werfen. Hoch über einem thront das Fort du Telegraph, das nur unweit
der Passhöhe liegt und ihm seinen Namen gab. Ich fand einen guten Tritt und überholte überraschender Weise
viele andere Radler. Es waren ohnehin weitaus mehr Radler unterwegs, als in den Tagen zuvor; motorisierter Verkehr war aber
auch hier eher selten anzutreffen. Bald hatte ich die ersten sieben steilen Kilometer geschafft und es wurde ein wenig flacher.
Langsam spürte ich auch wieder Hunger, wollte aber unbedingt erst oben Pause machen. Also hieß es durchhalten. Am
letzten Kilometer zog die Steigung dann noch mal an. Die Straße zog sich jetzt fast schnurgerade den Berg nach oben und
die Passhöhe war bereits zu sehen.
Auf den letzten zwei Kilometern am Col de Télégraph. Blick auf das Fort du Télégraph und das Tal der Maurienne
Nach knapp einer Stunde war es dann geschafft. Ich stiefelte noch ein paar Meter den
Hügel hinauf und setzte mich dort auf einen der Bänke, genoss die Aussicht und machte eine längere Pause.
Später füllte ich am gegenüberliegenden Brunnen noch meine Wasserflaschen und machte mich auf die kurze Abfahrt
nach Valloire. Dort war dann mächtig Trubel angesagt. So war ich froh das Dorf schnell wieder verlassen zu können.
Direkt nach Valloire durfte ich auf steiler Straße gleich mal wieder die Beine warm fahren. Danach wurde es aber für
ca. 3 km fast flach. Auch hier war ich natürlich nicht alleine. Den Galibier umgibt eben einen gewissen Mythos. Und mal
abgesehen davon, ist es ein wunderschöner Pass. Die Straße verläuft zunächst links eines Flusses mit
gemächlicher Steigung immer weiter das Tal hinauf. Dabei durfte ich quasi alle paar Minuten neue schöne Ausblicke
genießen.
Knapp 2 km vor Plan Lachat während des Anstieges zum Col du Galibier. Die Aussicht wird besser, die Landschaft rauer
Nach ca.7 km wurde es für kurze Zeit deutlich steiler. Dann erreichte ich Plan Lachat, und machte beim
ersten von zwei kleinen Gasthäusern kurz vor dem Schlussanstieg noch mal eine kleine Pause. Ich gönnte mir noch mal
eine Ladung Sonnencreme und fuhr dann weiter. Nur einige hundert fast flache Meter noch und ich erreichte die berühmte
180° Kehre. Ab jetzt trennten mich noch 8 steile Kilometer mit mehr als 8% im Schnitt vom Gipfel. Zunächst waren einige
Serpentinen zu überwinden und ich war wie immer überrascht, wie schnell ich trotz eher langsamer Fahrweise an
Höhe gewann. Schon bald war Plan Lachat nur noch ein kleiner Fleck. Immer wieder hielt ich kurz an und schoss Fotos.
Im schweren Schlußanstieg des Col du Galibier. Blick zurück auf Plan Lachat, im Hintergrund der Col des Rochilles
Etwa 4 km vor dem Gipfel nutze ich eine der kleinen Pausen und zog mir noch ein Gel rein. Ich würde es brauchen, der
Pass wird zum Ende hin immer steiler. Kurz danach durfte ich einen ersten Blick auf den atemberaubenden Schlusshang werfen.
Vielleicht nicht ganz so spektakulär wir am Stilfser Joch, aber genau so schön.
Blick auf den atemberaubenden Schlußhang an der Nordrampe des Col du Galibier
Ich erreichte die Tunneleinfahrt,
welche ich natürlich rechts liegen ließ und quälte mich den letzten steilen Kilometer zur Passhöhe nach
oben. Die Aussicht von hier oben war einfach atemberaubend. Wie schon 5 Jahre zuvor wanderte ich auch diesmal noch rechts
der Passhöhe auf den Gipfel. Dort pfiff wieder einmal ganz schön der Wind. Die Panoramatafel bot mir aber genügend
Schutz. Ich machte eine längere Pause und genoss die Aussicht. Danach wanderte ich wieder zur Passhöhe zurück
und begann bereits beim Abstieg zu frieren. Also wurden wieder reichlich Klamotten angezogen und die Abfahrt nach Briancon
in Angriff genommen. Zunächst waren etliche Serpentinen zu überwinden. Trotzdem hatte ich Spaß dabei.
Teilweise dufte ich mich an frisch asphaltiertem Straßenbelag erfreuen. Trotzdem war natürlich Vorsicht geboten,
Fahrbahnbegrenzungen sucht man hier nämlich vergebens.
Blick auf den Col du Lautaret während der Abfahrt vom Col du Galibier
Ab dem Col du Lautaret war es dann aber traumhaft. Mit über
60 km/h konnte man es in den weiten Kurven laufen lassen und musste nur ganz selten an der Bremse ziehen. Später wurde
es dann flacher, aber diesmal war ich mit dem Gott des Windes in Einklang, er kam von hinten! Auch war weiterhin kaum
Verkehr vorhanden, was wohl an der parallel verlaufenden Autobahn lag. So erreichte ich schneller als gedacht nach 110 km,
2400 hm und 4:45 h reiner Fahrtzeit Briancon. Dort durfte ich erst noch mal kräftig in die Pedale treten, ehe ich nach
einem kurzen Anstieg Vauban City erreichte. Die Stadt ist ein Teil von Briancon und in eine Festungsanlage integriert. Seit
2008 gehören Teile davon zum UNESCO Weltkulturerbe. Ich buchte mir ein kleines Zimmer mit Etagen-Dusche in einer netten
Pension. Im Erdgeschoß hingen Bilder der Gewinner der Tour-Etappen als Briancon Zielankunft war und natürlich
lief die "Grand Boucle" auch im Fernsehen. Ich duschte, wusch meine Sachen und schaute mir das Ende der Etappe an. Danach
erkundete ich die Stadt. Vauban City war sicher der netteste Etappenort meiner Tour. Der Stadtteil ist komplett in die
ehemalige Festigungsanlage integriert und über mehrere große Eingangstore erreichbar. Ansonsten ist er geprägt
von kleinen verwinkelten Gassen, vielen architektonischen Sehenswürdigkeiten und nicht zuletzt mit einer teilweisen
tollen Aussicht auf das Tal.
Inmitten der Festungsanlage von Vauban City in Briancon. Weltkulturerbe seit 2008
Später schaute ich noch nach meinen Bremsbelägen. Die ständigen Abfahrten bei
Regen hatten ihre Spuren hinterlassen. Ich hatte natürlich Ersatz dabei, dummerweise aber XT-Beläge von meinem
Crossbike! Ich hatte schon blöd geschaut, als ich sie aus meiner Satteltasche zog. Glücklicherweise erfuhr ich
im Tourismus-Büro, dass es in Briancon einen Radhändler gab. So hatte sich dieses Problem kurze Zeit später
erledigt. Abends gab es noch leckere Lasagne und einen Salat ehe ich mal wieder müde ins Bett fiel.
Am nächsten Morgen wachte ich bereits um 6:15 Uhr auf. Nach einem typischen französischen Frühstück
saß ich bereits um 8 Uhr im Sattel. Für das Zimmer in der Pension Remparts bezahlte ich einschl. Frühstück
41,-- Euro. Heute hätte eigentlich eine ziemlich heftige Etappe auf dem Programm gestanden. Aber ich hatte schon 2 Tage
zuvor, nach den Strapazen am Iseran entschieden, die Auffahrt zum Col d'Agnel sein zu lassen. Doch mittlerweile war ich mir
dessen gar nicht mehr so sicher. Ich war so früh wie noch nie auf dem Rad und durch die eher kurze Etappe am Vortag
einigermaßen erholt. Im Radio hatte ich morgens auch noch „I want it all“ von Queen gehört. Wenn das kein Zeichen
war. Aber zunächst musste der Col d'Izoard bezwungen werden. Es ging in Briancon direkt erstmal steil los, wurde aber
schnell flacher. Nach einigen Serpentinen die ich teilweise im Schatten fahren durfte, wurde es für drei Kilometer fast
ganz flach, bzw. sogar leicht abschüssig. Auf diesem ersten Abschnitt war die Strasse mit einem gesonderten Radstreifen
ausgestattet. Ich fragte mich allerdings warum. Ich war hier praktisch alleine auf der Strasse unterwegs. Danach wechselte
die Richtung und es wurde wieder deutlich steiler. Der gute Straßenbelag und eine tolle Aussicht halfen mir dabei aber.
Kurz nach dem Refuge Napolépon in den letzten Kehren des Col d'Izoard von der Nordseite
Anschließend musste noch eine lange Gerade überwunden werden, ehe Serpentinen die letzten 5 km einläuteten. So
langsam spürte ich meine Beine und ich fragte mich, ob ich auf den Agnel nicht doch lieber verzichten sollte. Die Aussicht
wurde nun immer besser. Ca. 3 km vor der Passhöhe durfte ich bereits einen Blick auf die letzten Serpentinen werfen. Die
Landschaft wurde langsam rauer und man konnte bereits erahnen, was einen auf der anderen Seite erwartet, die berühmte Casse
Déserte. Kurz vor dem Gipfel erreichte ich das Refuge Napoléon. Für die letzten zwei Kilometer wurde es nun wieder etwas
flacher, allerdings musste ich nun endgültig auf schützenden Wald verzichten, weshalb der Schweiß weiter kräftig
floss. Ein paar Minuten später überquerte ich den Scheitelpunkt und ein fantastisches Panorama baute sich vor mir aus.
Es war gerade einmal kurz vor 10 Uhr und ich war wohl einer der Ersten auf der Passhöhe. Der kleine Kiosk hatte noch
nicht einmal geöffnet. Ich machte eine längere Pause und entschloss mich endgültig aber schweren Herzens auf
den Col d'Agnel zu verzichten. Es sollte die richtige Entscheidung sein. Während ich auf der Passhöhe etwas aß
und die Aussicht genoss, kamen nach und nach andere Radler oben an. Der Pass scheint beliebt zu sein, wen wundert’s!
Erreicht man die Passhöhe des Izoard, baut sich vor einem ein herrliches Panoram auf.
Dann folgte die Abfahrt. Ein toller Straßenbelag, eine abwechslungsreiche Streckenführung mit weiten Kurven aber
auch engen Serpentinen und eine atemberaubende Landschaft machten diesen Streckenabschnitt zu einem Highlight. Dann erreichte
ich die Casse Déserte, eine mondähnliche Schuttlandschaft mit bizarren Felsformationen. Ständig musste ich anhalten
und diese Momente auf Fotos festhalten. Allerdings war auch Vorsicht geboten. Die Straße ist eng und ohne irgendwelche
Begrenzungen in den Hang geschlagen. Rechts der Straße geht es teilweise zig Meter steil nach unten.
Die Casse Déserte an der Südrampe des Col d'Izoard. Eine surreale Landschaft mit bizarren Felsformationen.
Dann öffnete sich das Tal und ich erreichte den Abzweig zum Col d’Agnel. „Keine Chance heute“ dachte ich
mir und ließ in links liegen. Die Abfahrt wurde nun deutlich flacher und da ich wieder mal Gegenwind hatte, durfte
ich auch fleißig Mittreten. Trotzdem war auch dieser Abschnitt schön zu fahren. Stets wurde man von einer tiefen
Schlucht begleitet. Leider glich der Straßenbelag teilweise einer Hoppelpiste. Um ca. 12:00 Uhr erreichte ich Guillestre
und machte eine längere Pause in einem Cafe. Dort durfte ich wieder einmal die französische Gastfreundschaft
genießen. Mir war bei der Bestellung eines Sandwichs nicht sofort klar, was die verschiedenen Varianten zu bedeuten
hatten. Der Kellner verschwand daher kurzerhand im Cafe, nur um kurze Zeit später mit den verschiedenen Wurstsorten in
der Hand wieder zu erscheinen und mir die Unterschiede zu erklären! Ich spürte nun doch die Anstrengungen der
letzten Tage und beendete eher widerwillig die Pause. Direkt in Guillestre ging es bereits steil in Richtung Col de Vars.
Ohne schützenden Schatten war es hier in der Mittagssonne unglaublich heiß. Ich trennte mich von meinem Funktionsshirt
und öffnete das Trikot. Erstmals in diesem Urlaub freute ich mich über Gegenwind, verschaffte er mir doch dringend
benötigte Kühlung. Der Anstieg wusste trotzdem zu gefallen. Anfangs noch teilweise im Wald, später durchfuhr
ich über mehrere Serpentinen saftige grüne Wiesen. Meist in meinem Rücken, schneebedeckte Berge.
Einige Kilometer vor Sainte Marie auf dem Anstieg zum Col de Vars - Saftig grüne Wiesen und strahlend blauer Himmel.
Trotzdem sehnte ich mich nach dem Flachstück bei Kilometer 8. Immer wieder dachte ich mir, bei der nächsten Kurve ist es
geschafft, wurde aber immer wieder enttäuscht. Ich überholte zwei Radler die mindestens so schlecht aussahen, wie
ich mich fühlte. Dann endlich das Flachstück, eine kurze Abfahrt und ich erreiche Sainte-Marie.
Ich spürte erstmals in meinem Urlaub meine Knie, ein deutliches Zeichen, dass die Muskulatur langsam übermüdet
war, aber es konnte nicht mehr weit sein. Ich machte nur eine kurze Pause und fuhr dann weiter. Es wurde nun wieder deutlich
steiler, bis Les Claux war es aber noch erträglich. Dort herrschte, im Gegensatz zum sonstigen Anstieg ziemlicher
Trubel. Außerdem zog hier die Steigung mächtig an, so dass ich froh war, Les Claux hinter mir zu lassen. Kurze
Zeit später erreichte ich einen kleinen See und wäre am liebsten hineingesprungen.
Die Passhöhe des Col de Vars in Sichtweite und ein verlockender Bergsee in Reichweite.
Die Passhöhe ließ
sich nun bereits erahnen und da es wieder etwas flacher wurde, erreichte ich sie bald. Oben traf ich ein Team
von Saxo-Bank. Tolle Räder welche die Jungs da fuhren. Aber ich war mit meinem auch zufrieden, hatte es mich doch
bislang zuverlässig durch die Alpen geführt. Ich machte eine kurze Pause, zog danach nur meine Windweste über
und setzte meine Fahrt fort. Anfangs noch recht steil, wurde es später immer flacher. Natürlich hatte ich auch
hier wieder Gegenwind. Nach einiger Zeit zog ich deshalb meine Windjacke aus. Ab nun war wieder mächtig Mittreten
angesagt. Langsam ging mir auch das Wasser aus. Aber nicht nur diese Flüssigkeit schien knapp zu werden. Ich hatte
einfach keinen Saft mehr in den Beinen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit, hörte ich auf zu treten. Teilweise
ließ ich es in Unterlenkerhaltung bei 25 km/h einfach nur rollen. Muss von hinten witzig ausgesehen haben!
Blick ins Tal in Richtung Barcelonnette während der Abfahrt vom Col de Vars
Nach gefühlten Stunden erreichte ich endlich Barcelonnette und war ziemlich fertig. Mein Plan sah eigentlich vor hier 3
Tage zu bleiben. Morgen stand der einzige Ruhetag auf dem Programm und am Tag darauf hätte ich von hier die Rundtour
und damit ohne Gepäck über Col d'Allos, Col de Champs und Col de la Cayolle fahren können. Doch Barcelonnette
hatte etwas dagegen. Zwar fand ich schnell das Tourismus-Büro, die aber kein Hotel für mich. Es war übers WE
wohl irgendeine größere Veranstaltung, tout complet - alles ausgebucht hörte ich ständig. Mir wurde
dann ein Hotel in Le Sauze angeboten, wieder ein kurzes Stück das Tal hinauf und dann nach rechts, ca. 4km. „Geht klar“
dachte ich mir, das schaffe ich auch noch. Kurz überlegte ich noch, ob ich nicht erstmal was essen und vor allem trinken
sollte. Aber ich wollte nur noch ins Hotel und unter die Dusche. Ich war kaum wieder auf dem Rad, da wurde mir eines klar.
Wenn ich in einem Tal nach rechts oder links abbiege, kann es eigentlich nur bergauf gehen. Und so war es denn auch. Am Ende
von Barcelonnette ging es rechts für noch mal knapp 5 km bergauf. Es war heiß, ich hatte Durst und keinen Tropfen
Wasser mehr in meinen Flaschen. Ich muss wohl nicht erwähnen, wie scheiße ich mich fühlte. Ich versuchte meinen
Verstand auszuschalten und einfach immer weiterzukurbeln. Gegen Ende des Anstieges konnte ich Le Sauze schon sehen. Nur noch
vier Serpentinen trennten mich nun von meinem Ziel. Als ich endlich oben war und das Hotel Soleil des Neiges, vor mir sah,
war ich nur noch glücklich, und natürlich fix und fertig.
Endlich am Ziel! Das Hotel Soleil des Neiges in Le Sauze, oberhalb von Barcelonnette
Das muss man mir wohl auch angesehen haben. Ich wurde
gleich gefragt ob ich etwas trinken möchte und am nächsten Tag, fragte mich die Dame an der Rezeption, ob es mir
heute wieder besser gehen würde, ich hätte gestern ziemlich müde ausgesehen! Es war mittlerweile 16:00 Uhr
und mein Tacho zeigte für heute 108 km und 2700 hm an. Natürlich war mein erster Gang unter die Dusche. Da am
nächsten Tag ein Ruhetag angesagt war, musste ich auch endlich mal keine Klamotten waschen, was ich auch ausnutzte.
So wie ich sie am Vortag ausgezogen hatte, lagen sie am nächsten Tag noch immer auf dem Boden :-) Den Ruhetag begann
ich um 7:30 Uhr und ein Stunde später saß ich beim Frühstück. Ansonsten machte ich nicht viel.
Klamotten waschen, Le Sauze ein wenig erkunden, einkaufen, essen, und schlafen. Das Wetter war an diesem Tag wieder
schlechter, nachmittags gingen sogar heftige Regenschauer nieder. Ich beschloss außerdem nicht noch einen Tag in Le
Sauze zu bleiben. Die Runde Allos, Champs, Cayolle hat bereits über 3000 hm, danach wieder den Schlussanstieg nach Le
Sauze mitzunehmen, traute ich mir auch ohne Gepäck nicht zu. Ich buchte mir daher über das Tourismus-Büro
ein Zimmer im Relais de la Cayolle, ein 7 km unterhalb der Passhöhe des Cayolle gelegenes Hotel. Diese Entscheidung
sollte ich noch bitter bereuen, aber dazu später mehr. Abends gönnte ich mir noch eine Pizza, auf die hatte ich
mich schon den ganzen Tag gefreut.
5. Tag (Col d'Allos, Col de Champs, Teilanstieg Col de la Cayolle)
Der nächste Tag begann wieder früh um 6:45 Uhr, eine Stunde später saß ich, natürlich als
Erster beim Frühstück. Um 8:30 Uhr startete ich dann bei ziemlich kühlen Temperaturen meine Tour. Die Abfahrt
bis Barcelonnette war schnell vorbei und der Anstieg zum Col d'Allos begann.
Schon auf der Abfahrt von Le Sauze deutet sich an, heute wird ein schöner Tag
Anfangs eher steil, mit einem schönen Panorama im Hintergrund und einer Schlucht neben mir, änderte sich dies
an einer markanten Rechtskurve. Für fast
drei Kilometer wurde es jetzt flacher, dafür wurde die Schlucht neben mir immer tiefer. Die enge Straße zog sich
nun am Hang entlang hinauf. Auf der Abfahrt wäre hier Vorsicht geboten. Der Straßenbelag war schlecht und teilweise
lagen große Steine auf der Straße. Dafür war quasi kein Verkehr vorhanden. Nach einiger Zeit wechselte ich
auf flacher werdender Strasse die Talseite über mehrere Brücken. Nach der dritten Brücke war ich auf der
anderen Seite angelangt. Es wurde nun wieder steiler. Dafür hatte ich einen herrlichen Blick auf den eben zurückgelegten
Weg. Von dieser Seite sah die Straße noch viel spektakulärer aus, als während dem Befahren selbst.
Blick von der gegenüberliegenden Talseite auf die atemberaubend in den Berg geschlagene Straße am Col d'Allos
Nur kurze
Zeit später wechselte der Anstieg erneut seine Charakteristik. Eben noch am Hang entlang im Wald, durfte ich nun inmitten
von Almwiesen Serpentinen überwinden und bereits einen Blick auf die vermeintliche Passhöhe werfen. Doch dieser
Blick täuschte. Noch einmal wurde die Richtung gewechselt und ein weiterer Hügel umfahren ehe ich endlich die
Passhöhe erreichte. Ein sehr abwechslungsreicher Anstieg mit ständig wechselndem Panorama lag hinter mir. Ich
wanderte wieder kurz auf den nächst höheren Gipfel, aß eine Kleinigkeit und fuhr weiter. Die Abfahrt bestand
anfangs noch aus einigen Serpentinen, später waren es eher weite Kurven. Insgesamt war es auf jeden Fall eine schöne
Abfahrt. In Colmars kaufte ich noch Bananen und Trinken ehe ich wieder ein kurzes Stück zurückfuhr und den Anstieg
zum Col de Champs in Angriff nahm. Der Abzweig sah eher aus wie eine Hofeinfahrt und entsprechend schmal ging es auch weiter.
Zu Beginn eher steil, durfte ich im dichten Wald einige Serpentinen überwinden. Nach ca.3 km erreichte ich eine kleine
Aussichtsplattform mit schönem Blick auf Colmars und sein Fort. Mit unverminderter Steigung ging es dann weiter. Bei
einer kleinen Gaststätte wurde es für kurze Zeit flacher, ehe ich den Wald verließ. Die Landschaft wurde nun
rauer und ich erahnte wie bereits am Allos die Passhöhe. Die Straße wechselte aber immer mal wieder die Richtung
und manchmal fragte ich mich, wo die Straße denn weitergehen sollte. Schließlich zog sich die Straße am
Hang entlang, ehe eine ausgesetzte Serpentine erreicht wurde.
Blick auf die markante Serpentine im Schlußteil des Col de Champs. Ein schöner Pass mit ständig wechselnder Landschaft
Dann trennten mich nur noch eine kurze Abfahrt und ein paar
Meter bergauf von der Passhöhe. Oben angekommen machte ich auf einer Bank unterhalb der Passhöhe eine kleine Pause.
Ich gönnte mir eine Leckerei und genoss die Sonne. Es folgte die Abfahrt. Hier waren viele Serpentinen und Kurven zu
überwinden. Da der Straßenbelag aber super war, machte mir dies richtig Spaß. Allerdings sollte man hier
vorsichtig sein. Es gibt keinerlei Hinweise auf enge Kurven, man muss also ständig bremsbereit sein. In St. Martin
füllte ich noch mal Wasser nach und cremte mich ein weiteres Mal ein. Dann begann der Anstieg zum Col de la Cayolle.
Zunächst ging es auf neuem Straßenbelag nur leicht bergauf. Rein optisch dachte ich sogar, ich würde bergab
fahren. So erreichte ich schnell Entraunes. Dort kaufte ich noch einmal etwas zu Essen ein. Nicht dass ich Hunger hatte,
aber mein Etappenziel war heute Estenc, und dort gab es außer einem Hotel und ein paar Häuser nichts um mich
einzudecken. Die Steigung zog nun deutlich an. Die Straße schlängelte sich das Tal hinauf, links neben mir als
steter Begleiter eine tiefe Schlucht. Nachdem sich das Tal vor mir öffnete und ich sogar einige Wasserfälle bestaunen
durfte, wurde es wieder etwas flacher. Ich durchfuhr zwei kurze Tunnels und wechselte die Talseite. Eine Serpentine leitete
nun den letzten wieder steileren Kilometer ein.
Blick auf das kleine Tunnel kurz vor den letzten Serpentine im Schlußteil des Anstieges zum Col de la Cayolle
Dann erreichte ich Estenc. Mein Hotel, das Relais de la Cayolle war nicht
zu verfehlen, ich fuhr quasi direkt hinein. Nach 87 km, 2.700 hm und einer Fahrtzeit von 4:30 h erreichte ich damit schon
am frühen Nachmittag mein Ziel. Das Hotel war sehr schön, direkt neben einem Gebirgsbach gelegen. Sein Rauschen
hörte ich sogar, wenn ich im Bett lag. Ich hatte ein kleines nett eingerichtetes Zimmer mit Etagen-Dusche/WC. Es war
kaum etwas los, so dass eine Vorreservierung sicher nicht nötig gewesen wäre. Zu meiner Überraschung sprach
man hier teilweise sogar deutsch! Ich genoss die tolle Landschaft mitten in den Bergen und ließ bei einem Radler die
Seele baumeln. Abends gab es dann ein leckeres Dreigangmenü mit Spezialitäten aus Italien und der Provence. Ich
erfuhr, dass das Wetter morgen wieder schlechter werden würde. Auf dem Bonette, der morgen auf meinem Programm stand,
war sogar Schnee angekündigt. Ich wälzte abends daher noch meine Karte und suchte mir eine Alternative. Viele
Möglichkeiten hatte ich aber nicht. Entweder ich würde die Route über den Bonette riskieren, oder es ginge
den Cayolle wieder zurück und über den Valberg und Coiullole nach St.Sauveur ins Tal der Tinée. Aber so wirklich
Lust hatte ich darauf nicht. Also beschloss ich, es am nächsten Tag einfach vom Wetter abhängig zu machen.
6. Tag (Schlußanstieg Col de la Cayolle, Col de la Bonette)
Ich hatte richtig mies geschlafen, wahrscheinlich ahnte ich schon, dass das Wetter heute buchstäblich mit mir
Schlitten fahren würde. Um 7:00 Uhr war die Nacht vorbei und nach einem richtig leckeren Frühstück war ich
um 8:40 Uhr bereit, für mein zweitletztes Abenteuer. Es sollte mein bislang größtes auf dem Rad geben.
Für das Zimmer zahlte ich einschl. Halbpension 63 Euro, was ich angesichts der Lage und des leckeren Essens für
absolut angemessen hielt. Der Himmel war morgens noch bedeckt, aber es war trocken. „Alla Gut“, wie der Karlsruher sagt,
dann machen wir uns mal auf zum Bonette. Doch zunächst waren die letzten sieben Kilometer des Col de la Cayolle zu
bezwingen. Über eine windungsreiche Straße am Hang entlang, unterbrochen durch einige Serpentinen gewann ich
rasch an Höhe.
Blick auf das Relais de la Cayolle, meine Unterkunft vom Vortag auf den letzten Kilometern des Col de la Cayolle
Es folgten noch ein kurzes Tunnel und einige flache Meter, dann wieder Serpentinen und zum Schluss sogar
noch eine kurze Abfahrt. Ich machte hier kaum Fotostopps. Zum einen wollte ich keine Zeit verlieren, zum anderen, war die
Aussicht aufgrund der Bewölkung ohnehin begrenzt. Das erste Ziel, die Passhöhe noch trocken zu erreichen, war
daher schnell erreicht. Auch auf der folgenden Abfahrt gab ich Gas. Der Horizont verdunkelte sich schon zunehmend. Hier
konnte man es aber auch gut laufen lassen. Zwar eine schmale, windungsreiche Straße, dafür aber kaum enge Serpentinen
und oft ein einsehbarer Straßenverlauf.
Die schnelle windungsreiche Abfahrt vom Col de la Cayolle nach Barcelonnette und ein sich rasch verdunkelnder Himmel
Etwa 10km nach der Passhöhe fing es dann bereits an zu nieseln. Vor mir
querten in kurzen Abständen zwei Mal jeweils 2 Murmeltiere. Ich hätte sie ja gerne fotografiert, hatte es aber
eilig. In diesem Teil der Strecke war die Abfahrt sehr holprig, aber noch war die Straße trocken und ich hatte damit
keine Schwierigkeiten. Später wurde der Belag deutlich besser, was man vom Wetter leider nicht sagen konnte. Es regnete
inzwischen ordentlich. Daher konnte ich diesen Teil der Strecke auch schon nicht mehr genießen. Und das obwohl die
Strecke dafür eigentlich einiges bot. Eine kühn in den Fels gehauene Straße, rechts der Fels, links eine
tiefe Schlucht. Wobei die Seite immer mal wieder gewechselt wurde. Etwa 10 km vor dem Ende der Abfahrt war dann auch die
Strasse komplett nass und ich musste meine Regenklamotten anziehen. Ohne weitere Probleme erreichte ich dann aber Barcelonnette.
Die leicht ansteigende Strasse nach Jausiers war auch schnell hinter mich gebracht. Dort kaufte ich erstmal noch Verpflegung
und zog mein Langarmtrikot wieder aus. Dann begann der Anstieg zum Bonette. Der Anstieg war zunächst sehr abwechslungsreich.
Eine sich langsam das Tal hinauf windende Strasse, unterbrochen durch eine kurze Serpentinengruppe. Eine weitere Serpentinengruppe
beendete dann den leichteren Aufgalopp und es wurde steiler.
Blick bei strömendem Regen auf die zweite Serpentinengruppe im Mittelteil des Anstieges zum Col de la Bonette.
Es wurde aber nicht nur steiler sondern auch kälter. Hier
ahnte ich bereits, dass es ein harter Tag werden könnte. Es gab jetzt nur noch sehr selten kurze flache Stücke.
Vereinzelt kamen mir von oben Fahrer entgegen, ansonsten war man hier alleine unterwegs. Immer noch nur mit Kurzarmtrikot
und Regenjacke bekleidet wurde mir im strömenden Regen langsam immer kälter. Ich beschloss aber erst einen geeigneten
Unterschlupf zu suchen, wo ich mich umziehen konnte. Während ich also meine Blicke so in der Umgebung schweifen ließ,
merkte ich irgendwann, dass der Regen von oben kein richtiger Regen mehr war! Bis ich endlich knapp 7 Kilometer vor dem
Gipfel einen Unterschlupf fand, war der Regen endgültig in Schnee übergegangen. In der schon halb zerfallenen
Hütte aß ich erstmal eine Kleinigkeit und zog mein Langarmtrikot an. Meine Handschuhe waren inzwischen komplett
nass und wärmten natürlich nicht mehr wirklich. Während ich mir langsam Gedanken machte, ob es wirklich
clever war weiterzufahren, hielt vor dem Schuppen ein Auto und ein Franzose schaute aufgeregt in den Schuppen und fragte,
ob ich alleine sei. Scheinbar war er auf der Suche nach einem anderen Rennradler. Dann setzte ich meine Fahrt fort.
Das Wetter wird immer schlimmer, es beginnt zu schneien. Sieben Kilometer vor dem Gipfel des Col de la Bonette beginnt der Pass sich zu wehren
Es folgten nun wieder Serpentinen und ich versuchte mir positive Gedanken zu machen. Schnee ist schließlich weniger nass
als Regen, Vorteil also für mich! Kurze Zeit später wurde mir aber eines klar. Ich hatte noch über 30 Minuten
bergauf vor mir, und es würde wohl nicht mehr lange dauern, und der Schnee würde auf der Straße liegen bleiben,
und dann? Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen. Aus einem von der Passhöhe entgegenkommenden Auto wurde mir
fermé, fermé entgegengerufen. Geschlossen! „Toll“ dachte ich mir. Einen Pass kann man ja nicht einfach schließen wie
ein Restaurant. Es würde mich schon niemand dran hindern, auf der anderen Seite wieder runterzufahren! Aber so langsam
wurde mir doch mulmig zumute. Ich versuchte alle negativen Gedanken zu verdrängen und einfach weiter zu kurbeln. Einfach
nur oben ankommen, so schnell wie möglich, irgendwie. "Ist das alles was du hast" schrie ich dem Pass entgegen, "das
bisschen Schnee, das wird mich nicht aufhalten!". Dann kamen mir innerhalb kurzer Zeit zwei Fahrer entgegen, wobei Fahrer
so nicht stimmt, sie schoben ihr Rad bergab. Spätestens hier wurde mir klar, dass ich noch lange nicht am Ziel war,
sollte ich oben sein. Mir würde wohl noch einiges blühen. "Du Judas! Du kriegst mich nicht klein, du nicht!"
schallte es dem Bonette nun entgegen, schon weitaus weniger herausfordernd wie noch zuvor. Das mulmige Gefühl im Magen
hatte sich inzwischen zu einem kleinen Magengeschwür ausgeweitet. Was machte ich hier nur. Ich hatte diese Tour definitiv
nicht mehr im Griff. Noch 2 Kilometer! Inzwischen konnte ich nur noch in den spärlichen Autospuren fahren, ansonsten
umgab mich eine geschlossene Schneedecke. Gott sei Dank wurde es flacher. Aber richtig Gas geben konnte ich nicht. Ich musste
auf der glatten Strasse vorsichtig sein. Ein Sturz käme jetzt irgendwie unpassend. Immerhin, kamen mir von oben noch
ganz vereinzelt Fahrzeuge entgegen. Ich war hier wenigstens nicht ganz alleine unterwegs. So langsam bekam ich kalte Hände,
bergab würde das ein Spaß geben. Nur gut, dass es hier oben überraschender Weise kaum Wind gab. An ganz
geschützten Stellen wurde mir sogar richtig warm. Dann erreichte ich endlich die Passhöhe und den Beginn der Schleife
zur Cime de la Bonette. Es waren keine Autospuren zu sehen! "Lass es gut sein, sagte ich mir, "Du hast dich bis hierher
gekämpft, übertreib es jetzt nicht!" Also fuhr ich weiter. Ein paar Meter weiter kam ich zum Ende der Bonette-Schleife.
Dort waren wenige Autospuren zu sehen. "OK, Scheiß drauf!" dachte ich jetzt. Die paar Meter würde ich jetzt auch
noch irgendwie packen. Also fuhr ich weiter. Dummerweise ist die Schleife, fährt man sie von dieser Seite richtig steil.
Und so kam es wie es kommen musste, nach ca.600 Meter drehte mein Hinterrad durch. Also stieg ich ab, und machte mich zu
Fuß auf den Weg gen Gipfel. Dicke Schneeflocken begeleiteten mich dabei. In einer Rechtskurve traf ich auf 3 Autofahrer
die wild am Diskutieren waren. Scheinbar machten Sie sich ebenso Sorgen wie ich, was die Abfahrt betraf. Nach weiteren 500
Metern Fußmarsch erreichte ich den Scheitelpunkt der Schleife. Ich schoss ein Foto und schüttelte den Kopf: "Alter
Schwede, was mach ich hier nur!", schoss es mir durch den Kopf.
Das Denkmal und Schnee soweit das Auge reicht. Mehr war auf der Cime de la Bonette nicht zu sehen
Dann begann der Weg zurück. An Fahren war gar nicht zu
denken. Ich traf wieder auf die Autofahrer, die wissen wollten, wie es auf der Seite nach Jausiers ausschaut. Ich sagte ihnen
dass auch dort Schnee liegt. Dann wollten Sie wissen, ob es oben ein Restaurant geben würde. "Klar", dachte ich mir,
"gibt lecker Kuchen, war mir aber zu teuer, drum latsch ich wieder durch den Schnee!" Den Rest verstand ich nicht wirklich. Aber
sie hatten wohl keinen Handyempfang und wollten wissen, ob ich jetzt nach Richtung Nizza "fahren" würde und ob ich dann
irgendwo anrufen könnte. Was hatten die nur für Vorstellungen. Sollte ich jetzt den ADAC oder doch besser gleich
die französische Fremdenlegion, Abteilung Gebirgsjäger informieren? Spätestens jetzt musste ich den Kopf
schütteln. Ich hatte hier ganz andere Probleme, schließlich umgab mich kein schützender Stahl, ich hatte
keine Heizung und statt 4 Breitreifen mit Profil war ich quasi auf 21mm-Slicks unterwegs. "Wenn ich hier runterkommen werde,
werdet ihr das ja wohl auch irgendwie hinkriegen", waren meine letzten Gedanken ehe ich losstiefelte. Kurze Zeit später
war ich wieder auf der eigentlichen Passstrasse. Ich überlegte kurz, ob ich evtl. hätte fahren können, verwarf
den Gedanken aber sofort wieder. Der Pass war mittlerweile sicher gesperrt. Es hätte also durchaus sein können,
dass mir ab jetzt niemand mehr begegnen würde. Wenn ich mich hier jetzt auf die Schnauze legen würde, könnte
das richtig übel enden. Also wanderte ich weiter. Mit meinen Mountainbike-Schuhen ging das immerhin einigermaßen.
Nach ca. 1 km Fußmarsch näherte sich von hinten ein Auto und hielt an. Es war ein Franzose mit einem Kleinwagen,
auf dem Beifahrersitz sein Sohn, auf der Rückbank die kleine Tochter. Er fragte mich, ob sie mich mitnehmen könnten.
Ich hätte ja zu gerne ja gesagt, aber wie zum Geier sollte ich mein Rad im Kofferraum unterbringen? Doch der Franzose
wusste eine Lösung. Wir könnten das Rad ja vorne und hinten zum Fenster raushalten und so neben dem Fahrzeug
transportieren. Er habe ohnehin ein total altes Auto, da könne nix mehr kaputt gehen. Was sich vielleicht anhört,
wie ein schlechter Scherz, war zu der Zeit meine Rettung. Gesagt, getan. Sein Sohn kurbelte vorne das Fenster runter und hielt
mein Rad am Lenker, während ich aus dem hinteren Fenster das Rad unterhalb der Sattelstütze hielt. So fuhren wir
also langsam weiter. Mir, und wohl auch seinem Sohn, froren zwar fast die Finger ab, aber so ersparte er mir einen weiten
Fußmarsch. Nach ca. 4 km ging der Schnee wieder in Regen übrig und die Straße war befahrbar. Er fuhr aber
bestimmt noch einmal 2 km weiter, ehe sich unsere Wege wieder trennten und ich mich tausendmal bedankte. Schon beim Aussteigen,
merkte ich aber, wie ausgekühlt ich war. Unter mir sah ich nach einigen Serpentinen eine Häusergruppe. Dort musste
ich dringend etwas Trockenes anziehen. Ich fuhr also los und fing sofort an zu zittern. Es wurde immer schlimmer, ich konnte
nur noch mit Mühe mein Rad stabil halten. Nur die langsam näher kommende Häusergruppe machte die Sache erträglich.
Nach knapp 3 km erreiche ich endlich die Häuseransammlung Bousieyas. Ich erwartete hier eigentlich nichts, außer
etwas um mich unterzustellen und mich im Trockenen umzuziehen. Aber dann sah ich ein Schild auf dem irgendetwas mit Pause
und Wanderer stand. Ich folgte dem Schild eine Treppe nach oben, öffnete eine Tür und mein Blick viel auf zwei
ältere Franzosen, offenbar Wanderer, die an einer Biertischgarnitur saßen, neben einer Heizung! "Gott sei Dank!"
dachte ich mir nur. Zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit, hatte ich richtig Schwein gehabt. Die beiden sahen mir
sofort an, wie unterkühlt ich war und boten mir den Platz an der Heizung an. Ich zog ein paar nasse Sachen aus und
bekam von zwei netten jungen Damen, welche die kleine Gite leiteten, eine heiße Schokolade angeboten. Leider konnte
ich sie nicht sofort trinken, das Zittern wollte einfach nicht aufhören. Ich saß dort sicher eine knappe halbe
Stunde direkt neben einer richtig warmen Heizung, trank 2 heiße Schokis und war unaufhörlich am Zittern. So etwas
hatte ich noch nie erlebt. Erst nach ca. 30 Minuten hörte es auf und ich zog mich wieder an und packte meine Sachen
zusammen. Für die 2 Schokis hätte ich 4 Euro bezahlen müssen. Ich streckte ihnen einen Zehner entgegen und
sagte, „stimmt so“. Die heißen Getränke und vor allem die Heizung waren ohnehin unbezahlbar gewesen. Ich wusste,
dass ich noch 10 km bis St. Etienne de Tinée vor mir hatte. Dort würde ich mir ein Zimmer suchen und nicht wie ursprünglich
geplant bis Isola oder Saint Sauveur sur Tinée fahren. Mir war zwar nach wie vor kalt, aber wenigstens zitterte ich nicht
mehr. In St. Etienne de Tinée buchte ich im Tourismus-Büro ein Zimmer und duschte dort erstmal 20 Minuten heiß.
Ich war an diesem Tag nur 95 km und 2.300 hm gefahren, hatte dafür aber mehr erlebt, als jemals zuvor auf dem Rad. Nach
der Dusche ging es pflichtbewusst ans Waschen der Klamotten. Leider empfing mein Fernsehen kein France2 und somit gab es
keine Tour de France. Angeblich sollte das in der gesamten Ortschaft so sein. Ich beschloss erstmal einkaufen zu gehen.
Mittlerweile regnete es nicht mehr, das kannte ich ja. Während ich so durch St. Etienne schlenderte, hörte ich
Kommentatoren-Geräusche aus einem Restaurant. Und siehe da, es lief die Tour! Also gönnte ich mir dort ein Radler
und pennte später noch eine Runde. Abends gab es im Hotel geschmacklosen Tomaten-Mozarella-Salat und eine leckere Pizza.
Mein letzter Tag begann wieder um 7:00 Uhr. Ich musste morgens noch teilweise die Klamotten trocken föhnen. Glück
für mich, dass ich vom Hotel einen Fön ausgeliehen bekam. Nach einem eher mäßigen Frühstück
saß ich um kurz vor 9:00 Uhr auf dem Rad. Für mein Zimmer incl. Frühstück und Abendessen im Hotel Le
Regalivou bezahlte ich 60 Euro. Es war jetzt schon ein seltsames Gefühl. Auf der einen Seite war ich froh, nur noch eine
Tagesetappe von Nizza entfernt zu sein. Nach über einer Woche aus einem kleinen Rucksack leben, freute ich mich wieder
auf zuhause. Andererseits war auch ein wenig Wehmut dabei. Die Reise auf die ich mich so lange gefreut hatte und auf der ich
soviel erlebt hatte, neigte sich unwillkürlich dem Ende entgegen. Heute galt es also jede Minute noch mal zu genießen.
Auf der folgenden Abfahrt nach Isola war das schon mal kein Problem. Der Straßenbelag war topp, es gab weder Verkehr
noch lästigen Gegenwind und die Straße zog sich ohne enge Kurven und recht steil das Tal hinab. Teilweise fuhr
ich auf einem eben so guten Radweg zwischen der Straße und der Tinée. Kurz vor St. Sauveur de Tinée wurde es etwas
flacher und ich musste Mittreten. Danach folgte dann noch mal ein schönes steiles Stück bis zum Abzweig zum Col
Saint Martin. Der Anstieg zog sich sehr gleichmäßig nach oben. Gefühlsmäßig war das steilste
Stück gleich zu Beginn zu überwinden.
Die ersten steilen Serpentinen am Anstieg zum Col de St. Martin
Die windungsreiche Straße führte am Hang entlang durch einige
kleine Bergdörfer und wechselte öfters die Richtung. So wusste man nie, was einen als nächstes erwartet.
Verkehr war hier wie den gesamten Urlaub eigentlich kaum vorhanden. Auch der Asphalt war in bestem Zustand. Da kaum enge
Serpentinen zu überwinden sind, macht dieser Pass sicher auch bergab eine Menge Spaß. Zwischendrin erwischte ich
mich dabei, wie ich richtig Tempo machte und Druck aufs Pedal bekam. Ab Valdeblore ließ ich es dann aber wieder sein,
schließlich war genießen angesagt. Am Ortsende von Valdeblore wurde es dann noch einmal richtig steil. Aber auch
hier war nur ein kurzes Stück zu überstehen, ehe die Steigung wieder moderate Werte annahm. Die Aussicht nach oben
war während dieses ersten Teilstückes begrenzt. Dafür wusste der Blick zurück des Öfteren zu gefallen.
Und je näher man der Passhöhe kam, desto schöner wurde auch die Aussicht vor mir. Oben angekommen war ich
dann zunächst überrascht. Es war ganz schön viel los und einiges geboten. Ponyreiten, Bungee-Trampolin und
vieles mehr wurden von mehreren Gruppen Jugendlicher genutzt. Ich aß eine Kleinigkeit und schaute in der Sonne sitzend
dem bunten Treiben eine Weile zu.
Dem Meer schon sehr nahe, aber immer noch schneebedeckte Berge vor den Augen. Die schöne Aussicht auf der Abfahrt vom Col de St. Martin
Es folgte eine schnelle und schöne Abfahrt bis Saint Martin. Dort füllte ich noch
mal meine Wasserflaschen ehe es weiterging nach Roquebillière. Kurz danach begann der Anstieg zum Col de Turini. Die ersten
Meter kamen mir wie immer recht steil vor. Aber entweder fand ich schnell meinen Tritt, oder es wurde kurze Zeit später
wirklich flacher. Gleich auf den ersten Metern überholte ich einen älteren Franzosen. Wir sollten uns nicht das
letzte Mal begegnet sein an diesem Tag. Über mehrere Serpentinen erreichte ich rasch La Bollène-Vésubie. Danach zog sich
die Straße windungsreich am Berg entlang, links stets eine imposante Felswand, rechts eine niedrige Mauer und danach
der Abgrund.
Kurz nach La Bollène-Vésubie. Die in den Fels geschlagene Straße zum Col de Turini
Kurze Zeit später erreichte ich ein kurzes Tunnel. Rechts daneben schien es so etwas wie eine Umgehung zu
geben. Ich beschloss diese ein paar Meter zu begehen. Es handelte sich eigentlich um einen zweiten Tunnel. Nur 2 m hoch,
nicht einen Meter breit und mit grobem Schotter ausgestattet. Fahren war hier nicht möglich. Dafür hatte ich durch
ein Fenster in der Felswand einen schönen Blick. Allerdings wagte ich es nicht, weiterzugehen. Ohne das Rad zu tragen
und evtl. sogar zu klettern käme man hier vermutlich nicht weiter. Wieder auf der richtigen Straße kam ich nicht
nur gut voran, sondern auch mächtig ins Schwitzen. Schützender Schatten war hier nur sehr selten vorhanden. Wieder
nur ein kurzes Stück später, durfte ich einige Serpentinen überwinden. Eine sehr ausgesetzte war schon von
weit unten zu sehen. Dort oben angekommen, freute ich mich über einen kleinen Rastplatz mit Sitzmöglichkeit. Ich
legte noch mal Sonnencreme nach und gönnte mir ein Gel. Während ich da so saß und die Aussicht genoss,
überholte mich der ältere Franzose wieder. Ich hatte wohl zu viele Pausen und Fotostopps eingelegt.
Ausblick von dem kleinen Rastplatz auf die Serpentinengruppe im Mittelteil des Anstieges zum Col de Turini
Es dauerte nach meiner Pause nicht lange, bis ich ihn wieder überholte. Er fuhr viel im Wiegetritt, kein Wunder bei der Übersetzung.
Keine Ahnung was der Kerl gekettet hatte, aber mehr als 40 Umdrehung pro Minute brachte er keinesfalls zustande. Ich
versuchte ein wenig auf französisch mit ihm zu labern. Er kam wohl aus Nordfrankreich und kannte Berge nur vom
Hören-Sagen. Obwohl ich versuchte meine Geschwindigkeit ein wenig anzupassen, gab er mir bald zu verstehen, dass er
langsamer fahren musste. Also setzte ich meine Fahrt alleine fort. Dann erreichte ich den Kilometerstein 14. Da der Anstieg
gut 15 km Länge aufweist, war dies also meine ganz persönliche "Flamme Rouge", der letzte Kilometer Anstieg meines
Urlaubes, Wehmut machte sich breit. Oben angekommen war ich dann erstmal ein wenig enttäuscht. So ein bisschen hatte
ich gehofft, von hier oben vielleicht sogar das Meer zu sehen. Trotzdem war der Turini ein würdiger Abschluss. Ein
guter Straßenbelag, abwechslungsreiche und teilweise kühne Streckenführung und stets eine schöne
Aussicht ließen mein Herz nicht nur aufgrund der Anstrengung höher schlagen. Wieder gönnte ich mir einen
kleinen Happen und wurde prompt wieder von meinem französischen Weggefährten überholt. Er hatte sich also bis
hierher durchgekämpft und bog nun nach links ab, um auch noch die Panoramastrasse zu erklimmen. Und auch ich beschloss
diesen Trumpf noch auszuspielen. Aus dem Internet wusste ich, dass dies noch mal mindestens 6 km und 400 hm bedeuteten. Aber
noch fühlte ich mich einigermaßen fit und hatte außerdem die Hoffnung, dass die Straße ihrem Namen
alle Ehre machen würde. Zum Abschluss meines Urlaubes noch ein schönes Panorama genießen zu dürfen,
schob alle Zweifel beiseite. Auf einem schlechten Belag, der zwischendrin auch mal ganz fehlte, kämpfte ich mich also
nach oben. Es dauerte natürlich nicht lange und ich überholte den Franzosen wieder, zum dritten Mal an diesem Tag!
Die Aussicht wurde nun von mal zu mal besser, und ich musste mich förmlich zwingen, auf die Straße zu sehen. Zu
verlockend waren die Gebirgsketten die sich nach und nach vor meinen Augen aufreihten. Allerdings sollte man sich wirklich
nicht zu sehr ablenken lassen. Die Strasse ist wirklich in einem sehr schlechten Zustand. Steine, Schlaglöcher und eine
insgesamt sehr holprige Asphaltdecke erfordern ein gewisses Maß an Konzentration. Ich erreichte eine Gasstätte und
kurze Zeit später die zwei einzigen Serpentinen des Anstieges. Und dann war es da, das Meer.
Auf der Panormastraße am Col de Turine. Das Meer kommt in Sicht
Was für ein Anblick.
Hinter mehreren Gebirgszügen funkelte das blaue Meer und verschwamm am Horizont mit dem fast ebenso blauen Himmel. Von
diesem Anblick konnte ich mich ab jetzt kaum noch lösen. Ich erreichte das Denkmal Baisse de Tueis und musste mich nun
entscheiden. Der Panoramastraße nach rechts folgen und dadurch wieder etliche Höhenmeter verlieren oder weiter
gerade aus, entgegen der vorgeschriebenen Fahrtrichtung weiter dem Gipfel entgegen. Höhenmeter hatte ich nun wirklich
schon mehr als genug in diesem Urlaub bezwungen. Also entschloss ich mich, den kürzesten Weg zum Gipfel zu nehmen. Dies
stellte auch gar kein Problem dar. Die Straße war bis auf zwei kurze Ausnahmen gut einsehbar. Außerdem war man
hier ohnehin mal wieder fast alleine unterwegs. Nach etwas mehr als 2 km erreichte ich schließlich den Kulminationspunkt.
Ich beschloss noch zu Fuß einen kleinen Hügel zu erobern und setzte mich oben angekommen ins Gras. Zwar sah man
von hier das Meer nicht, dafür noch einmal Berge ohne Ende! Ein würdiger Abschluss eines schönen Urlaubs. Eine
tiefe innere Zufriedenheit machte sich breit. Was hatte ich nicht alles in den letzten Tagen erlebt. Schlechtes Wetter und
Pässe ohne Ende hatten sich mir in den Weg gestellt. Aber nun war ich hier, nur noch wenige Kilometer von Nizza entfernt
und konnte das Meer fast schon riechen. Aber irgendwann gehen eben auch die schönsten Momente zu Ende. Ich machte mich
also auf den Weg nach unten. Jetzt war natürlich noch viel mehr Vorsicht geboten, als beim Aufstieg.
Kühe, Berge, Meer. Die Tolle Aussicht auf der Abfahrt der Panoramastraße am Col de Turini
Ohne Schaden
erreichte ich aber wieder die Passhöhe des Col de Turini. Es folgte die Abfahrt in Richtung Nizza. Ich wählte die
direkte Route nach rechts und nicht nach links über Sospel. Nach 2 kurzen Flachstücken konnte man es hier auf steiler
und kurviger Straße noch mal richtig laufen lassen. Einzig der stellenweise holprige Asphalt störte dieses
Vergnügen ab und an. Nach einiger Zeit gabelte sich die Straße erneut. Beide Wege führten nach Lucéram und
Nizza. Ich wählte die linke Variante und fand mich schon bald in einem Gewirr von Serpentinen wieder. Eine wirklich
imposante Streckenführung, leider nur mit ständigem Bremsen zu bezwingen.
Serpentinen ohne Ende. Während der Abfahrt vom Col de Turini kurz vor Lucéram
Nachdem ich Lucéram erreicht hatte, war
der Spuk vorbei. Jetzt konnte ich es richtig laufen lassen. Bis kurz vor L'Escarène musste ich nicht einmal an der Bremse
ziehen. Die restlichen ca. 20 km bis Nizza zogen sich dann noch mal gewaltig. Auf nur noch leicht abfallender Straße
musste ich nun wieder fleißig Mittreten. Über die D2204 erreichte ich zunächst Drap und schließlich
Nizza. Der Verkehr nahm natürlich zu, je näher ich der Metropole kam. Aber außer einem nervigen Kreisverkehr
in Nizza war alles gut zu fahren. Nun begann meine kurze Odyssee der Hotelsuche. Ich hatte natürlich im Vorfeld ein
Hotel in der Nähe des Bahnhofs reserviert. Dummerweise war meine Wegbeschreibung aber auf ein anderes Hotel ausgerichtet,
welches ich wohl ursprünglich buchen wollte. Nach zweimal fragen und dem ein oder anderen Fluch landete ich um 17.45
Uhr dann endlich im Hotel Comte de Nice. Nach 6:40 Fahrtzeit, 145 km und 2:800 hm endete die längste und leider auch
letzte Etappe meiner Transalp Genf- Nizza. Im Hotel wurde sogar deutsch gesprochen und ich bekam zwei Zimmer zur Auswahl.
Ich wählte das größere, duschte und freute mich, endlich meine Klamotten nicht mehr waschen zu müssen.
Danach ging es in die Stadt etwas Essen und natürlich ans Meer.
Nach 8 Tagen, 765 km, 18.500 hm und unendlich vielen Eindrücken am Ziel meiner Tour. Der Strand von Nizza
Außerdem freute ich mich noch, dass ich auf
meinem Zimmer Sat1 empfangen konnte und durfte so mit einer Tüte Chips in der Hand live miterleben, wie sich der BVB
den Liga-Total-Cup sicherte. Dann fiel ich todmüde ins Bett. Am nächsten Tag gab es ein leckeres Frühstück.
Und da ich heute keinen Anstieg vor der Nase hatte, wurde das Buffet auch reichlich genutzt. Danach ging es zum Bahnhof und
pünktlich um 10:59 verließ ich Nizza mit dem TGV Richtung Genf. Die 5 Radabstellplätze waren zu diesem Zeitpunkt
alle noch leer. Das sollte sich aber noch ändern. Zunächst kamen zwei Jungs, von denen einer nicht reserviert hatte.
Da aber noch Platz war, wurden die Räder natürlich trotzdem befördert. Später stieg noch ein Schweizer
mit seinen zwei Söhnen dazu. Dieser hatte zwar drei Plätze reserviert, aber jetzt natürlich einen zu wenig.
Da außerdem etliche Gäste das Radabteil als Gepäckablage benutzt hatten, brach erstmal ein kleines Chaos aus.
Ich schaute daher kritisch nach meinem Rad. Schließlich hatte ich nicht 10 Euro bezahlt um mir dann das Rad zerkratzen
zu lassen. Schließlich fand aber alles seinen Platz und so erreichte ich ohne weitere Zwischenfälle Genf. Dort
ausgestiegen setzte ich mich aufs Rad und kaum saß ich, fing es an zu regnen. Der Kreis schloss sich also. Der Urlaub
endete, wie er begonnen hatte. Nach 10 km erreichte ich patschnass aber glücklich mein Auto. Meine Tour war zu Ende!
Wie immer nach meinen Berichten, gibt es natürlich auch hier ein kurzes Fazit. Wobei es mir diesmal schwer fällt,
es wirklich kurz zu halten. Ich habe einfach soviel in diesen 8 Tagen erlebt, so viele unterschiedliche Eindrücke
gesammelt. Aber ich versuch es trotzdem mal:
1. Die Strecke: Insgesamt vielleicht ein wenig zu optimistisch bei meinem Trainingsstand. Wenn man an 4 von 7 Tagen fix
und fertig am Ziel ankommt, hat das mit Urlaub nicht mehr viel zu tun. Wobei mich eh immer alle fragen, wie man so etwas im
Urlaub machen kann. Natürlich ist es keine körperliche Erholung. Als Beamter der den ganzen Tag am Schreibtisch
sitzt, brauch ich das aber auch nicht. Ich sag immer, es ist halt Erholung für den Geist. Und dass Quälen und sich
Schinden untrennbar mit diesem Sport verbunden sind, wissen wir nicht erst seit Udo Bölts. Aber dieses Mal war es wohl
ein wenig zu viel des Guten. Die Strecke wäre bei optimalen Bedingungen vielleicht locker zu schaffen gewesen. Aber
Wind, Regen, Kälte und Hotelsuche können bei so einer Tour eben immer vorkommen. Von daher gilt es, diese Dinge
das nächste Mal zu berücksichtigen und nach dem Motto Weniger ist manchmal Mehr zu planen. Landschaftlich war es
auf jeden Fall traumhaft. Ob Izoard, Galibier, Allos oder Turini, es gab etliche Pässe an denen ich alle 5 Minuten ein
Photo hätte schießen können. Leider habe ich am Cormet de Roselend und natürlich am Bonette so gut wie
nichts gesehen, weshalb diese Pässe sicher noch einmal unter die Räder genommen werden müssen. Den Bonette
werd ich trotzdem mein Leben lang nicht vergessen!
2. Die Ausrüstung: 10 von 10 Punkten würde ich sagen. Die Gewichtsverteilung war optimal. Ich hatte nie
Probleme mit dem Rucksack. Die Lenkertasche mit den ganzen Toilettenartikeln hat sich voll bewährt. Dass dann auch
noch genau mein Photo rein passte und ich somit ohne große Zeitverzögerungen Photos schießen konnte, war
natürlich die Krönung. Ich hatte auf der Reise nie etwas vermisst und hatte auch nicht das Gefühl etwas
Unnützes dabei zu haben. Einzig eine wärmere Windjacke wäre vielleicht eine Überlegung wert. Allerdings
muss ich gestehen, dass ich meine nassen Klamotten auf den Pässen nie ausgezogen habe, sondern einfach trockene warme
Kleidung drübergezogen habe. Evtl. liegt ja auch hier das Problem mit dem ständigen Frieren bergab.
3. Die Planung: Ich hab ja zu Beginn schon geschrieben, dass ich sehr viel Zeit in die Planung gesteckt habe. Meines
Erachtens hat sich das aber durchaus bezahlt gemacht. Ich fühlte mich einfach auf der ganzen Tour gut auf das
vorbereitet, was mich Erwartete. So eine Transalp ist schon anstrengend genug. Da will ich nicht abends noch überlegen,
wo ich denn am nächsten Tag lang fahren soll. Den ein oder anderen "Notausgang" wie bei mir das Weglassen des Col d'Agnel
vorher schon durchdacht zu haben, schadet daher sicher auch nicht. Das DinA4-Blatt mit allen wichtigen Daten jeder einzelnen
Etappe, welches ich immer vorne in der Lenkertasche hatte, hat sich auch bewährt. So musste ich nie umständlich in
die Karte blicken und wusste an den Anstiegen immer genau, was mir als nächstes blüht. So kann man dann auch seine
Pausen vernünftig planen. Wer sich schon mal direkt vor einem Steilstück den Magen vollgeschlagen hat, weiß
wovon ich rede. Vorher schon eine Wegbeschreibung zu den Tourismus-Büros zu haben, hat mir auch geholfen. Gerade nach
einer harten Etappe, wenn man nur noch müde und halb im Delirium in einer Stadt ankommt, ist es einfach hilfreich. Ich
war jedenfalls manchmal froh, nur noch streng nach Plan zu fahren und nicht nach irgendwelchen Schildern Ausschau halten zu
müssen, geschweige denn vielleicht selbst ein Hotel zu suchen. Die Hotels nicht vorzubuchen macht natürlich auch
Sinn. Wie ich ja selber feststellen musste, gibt es einfach zu viele Unwägbarkeiten, obwohl ich in Barcelonnette mein
letztes Hemd für ein reserviertes Hotel gegeben hätte :-) Insgesamt hat mir diese Woche aber unglaublich viel
Spaß gemacht und es war sicher nicht die letzte Tour nur mit Rad und Rucksack. Das ständige Auswaschen der
Klamotten geht einem zwar irgendwann auf den Sack. Andererseits vermittelt es auch ein Gefühl von Freiheit, keinen
festen Standort zu haben, und jeden Tag irgendwo anders zu übernachten. So, mehr fällt mir derzeit nicht ein,
ist aber auch mehr als genug glaube ich. Wer es tatsächlich vom Anfang bis hierher geschafft hat, dem sei gesagt:
Respekt, du schaffst auch den Bonette bei Schnee!