Dieses Jahr schien ich tatsächlich mal auf dem Weg zu einer halbwegs akzeptablen Form. Im Mai fuhr ich immerhin 350 km, etwa ein Drittel davon aber auf dem Rennrad. Doch dann legte mich eine langwierige Rippenverletzung Anfang Juni auf Eis und ich musste meinen Urlaub sogar verschieben. Die letzte Woche konnte ich dann auch nicht trainieren, weil ich erklältet war. In den letzten 8 Wochen war ich gerade mal 230 km gefahren. Mit gemischten Gefühlen startete ich daher in den Urlaub. Froh, dass es doch noch geklappt hatte, mit einer gehörigen Unsicherheit, ob das alles gut gehen würde. Nachdem ich im letzten Jahr zwei Touren in Aosta gefahren war, dabei aber auf den Invergneux verzichten musste, beschloss ich dieses Mal den kompletten Urlaub dort zu verbringen. Wie immer fuhr ich schon abends zu meiner Schwester in die Nähe von Freiburg und startete von dort um 5 Uhr morgens nach Cogne. Das Wetter war nicht gerade gut vorhergesagt, kalt und mit Regenschauern. Immerhin sah ich nach dem Tunnel am St. Bernhard erstmals kleinere Flecken blauer Himmel. Kurz danach frühstückte ich noch etwas und um 10:40 Uhr saß ich dann für meine erste Tour auf dem Rad.
Die ersten zwei Kilometer fühlten sich gleich mal richtig steil an, danach ging es erstmal locker weiter bis Lillaz. Dort wurde es direkt wieder richtig steil. Dafür waren erstmal viele Serpentinen zu überwinden und sorgten so für Ablenkung. Obwohl es mehrheitlich noch im Schatten der Bäume voran ging, kam ich schon ordentlich ins Schwitzen. Und wie immer tat ich mich sehr schwer, einen akzeptablen Tritt zu finden. Wenn man im Training immer nur kurze Einheiten mit 6-8 Minuten Intervallen fährt, kann man dort natürlich ganz andere Trittfrequenzen fahren. Hier in den Alpen mit fast 1.500 hm vor der Brust, musste ich langsamer fahren. Das Wetter war wie vorhergesagt. Kam der Wind von vorne, war es bereits sehr kühl. "Wenn das hier im Tal schon so war, dürfte es heute Richtung Gipfel interessant werden", dachte ich noch. Ich sollte Recht behalten. Immerhin war es trocken und vereinzelt kam sogar die Sonne raus.
Die Straße war hier noch asphaltiert und sehr schmal. Außer einem Auto und einem Mountainbiker sah ich die erste Stunde niemanden. Nach etwa 6 Kilometer erreicht ich den ersten Hochpunkt und es folgte eine kurze Abfahrt.
Nach der kurzen Abahrt wechselt der Belag für etwa zwei Kilometer auf gut zu fahrenden Schotter. Das lag sicherlich auch daran, dass die Steigung deutlich nachgelassen hatte. Dann folgte etwas, was sich noch ein paar Mal wiederholen sollte. Es kamen (asphaltierte) Serpentinen und sofort wurde es wieder steil. Nach wie vor fuhr man auch immer mal wieder im Wald. Die Aussicht war daher begrenzt. Die Blicke ins Tal wussten zu gefallen, beim Blick nach vorne war nicht klar zu erkennen, wohin es gehen sollte. Nach etwa einer Stunde erreichte ich die kleine Kapelle auf etwa 2.000m Höhe, verzichtete aber auf eine Pause. Der Weg wurde danach wieder etwas flacher, ehe ich einen schönen Wasserfall erreichte und damit die nächste kleine Steilstufe erreichte, die wieder über einige Serpentinen überwunden wurde.
Auch hier wurde es danach wieder flacher und kurz danach erreichte ich die Fromagerie auf 2.300m Höhe. Es war mittlerweile richtig kalt, was vor allem auch an dem kräftigen, kühlen Wind lag. Mein Plan mit dem kurzen Trikotsatz bis zur Passhöhe zu kommen, musste ich hier schon aufgeben. Ich zog ein langes Funktionsshirt und die Regenjacke an, in der Hoffnung die Klamotten bis oben nicht zu verschwitzen. Ich machte eine kurze Pause und aß erstmal was. So langsam dämmerte mir, dass es heute ein sehr harter Tag werden könnte. Nicht unbedingt was die Strecke betraf. Ich war immerhin schon auf 2.300 m Höhe und fühlte mich noch sehr frisch. Allerdings war es hier bereits sehr kalt, bei einer angekündigten Schneefallgrenze von 2.600 Metern auch kein Wunder. Es folgten noch einmal ein paar steile Serpentinen, ehe man eine kleine Hochebene erreichte, die auch erstmals den Blick in Richtung Finestra di Champorcher ermöglichte.
Es folgte ein kurzes ebenes, teilweise leicht abfallendes Stück, ehe ich den Abzweig in Richtung Rifugio Sogno die Berdze erreichte. Für mich ging es links über eine kleine Brücke und es wurde direkt wieder steil. Erstmals wurde auch der Weg etwas schlechter, mit ein wenig vorausschauender Fahrweise aber immer noch problemlos zu fahren. Ich blickte immer mal wieder zurück, wohin die Wanderer die ich kurz zuvor überholt hatte, hin wollten. Aber scheinbar war das Rifugio ihr Ziel. Also pedalierte ich weiterhin alleine der Passhöhe entgegen. Nach einiger Zeit kam auch erstmals der Passo Invergneux in Sicht. Mich überholte ein E-Bike Pärchen, die auch noch in kurzen Hosen unterwegs waren. Wenigstens war ich nicht der einzige Bekloppte, der heute ein wenig zu optimistisch geplant hatte. Ich bekam langsam auch wieder Hunger, wollte aber hier oben nicht windgeschützt nichts essen. Die Gefahr dann sofort auszukühlen war einfach zu groß.
Ich sah weiter oben eine kleine Hütte und beschloss dort nochmal eine Pause einzulegen. Die Hütte war leider zu, bot aber immerhin etwas Windschutz und einen Brunnen um meine Wasserflaschen zu füllen. Auch die E-Biker machten hier kurz Pause. Wenn ich mich nicht direkt an der Hüttenwand befand, zog es hier wie Hechtsuppe. Ich aß einen Happen und machte mich dann zur Weiterfahrt bereit. Schon jetzt hatte ich aber ein mulmiges Gefühl im Bauch. Ich fuhr wieder einige Meter bergab und kam dann zum Abzweig Richtung Invergneux. Ich schaute mir den Weg entlang des Hanges an und schätzte ab, wie lange ich wohl bis zum Gipfel brauchen würde und wie wohl das Wetter auf der anderen Seite sein würde. Es zogen immer mal wieder dunkle Wolken vorüber, aber von hier war das Weter auf der anderen Seite nicht seriös vorhersehbar. Die Schnellfallgrenze sollte heute bei etwa. 2.600 m Höhe liegen. Der Gipfel lag auf etwas über 2.900 m Höhe. Niederschlag konnte ich also nicht gebrauchen. Ab hier stand mir ein Fußmarsch von mindestens einer Stunde bevor. Mir war jetzt schon kalt und trockene Klamotten hatte ich nicht mehr. Wenn es windstill wäre und es trocken bleiben würde, wäre es schon irgendwie machbar. Wenn es aber zu regnen oder zu schneien anfagen würde, könnte es ein ganz übler Tag werden. Schweren Herzens entschloss ich die Vernunft walten zu lassen und brach die Tour um 13:40 Uhr ab.
Auch die beiden E-Biker waren sich wohl nicht sicher, ob eine Weiterfahrt wirklich sinnvoll war, jedenfalls wurde heftig diskutiert. Unterwegs traf ich dann auch noch andere E-Biker die auch schon wieder auf dem Rückweg waren. Schön ist so etwas natürlich nicht. Es gibt nicht viele Touren die ich im Laufe der letzten 20 Jahre verkürzt oder gar abgebrochen habe. Einen Urlaub gleich so zu starten, macht auch keine Freude. Aber innerlich wusste ich, dass die Entsdcheidung richtig war. In einer der Serpentinengruppen nahm ich noch einen kurzen Singletrail, ansonsten ging es halt unspektakulär zurück. Allerdings musste ich doch einiges im Stehen fahren und daher war es durchaus anstrengend. Ich war daher froh, um 14:30 Uhr wieder mein Auto zu erreichen. Nach 3:00 h reiner Fahrtzeit, 36 km und 1.200 hm war meine erste "Tour" vorüber. Ich fuhr zurück zu meiner Unterkunft Frazione Le Champ in La Salle. Ich suchte abends noch übers Internet eine Weile nach einem geeigneten Restaurant und checkte den Wetterbericht. Morgen sollte es ziemlich trocken sein, ein wenig wärmer und deutlich weniger Wind. Ich beschloss daher, den Invergneux noch mal zu versuchen und entschied mich stattdessen, die Tour über den Col de la Seigne und den Col de Chavannes zu streichen.
Ich wachte schon um 6 Uhr auf, döste aber noch fast eine Stunde ehe ich aufstand, meine Sachen packte und frühstückte. Es war draußen immer noch sehr frisch, aber ansonsten war das Wetter super. Strahlender Sonnenschein begrüßte mich schon auf der Autofahrt nach Cogne. Auf dem Weg dorthin holte ich mir im Supermarkt noch Sandwiches und startete um 9:10 Uhr meinen zweiten Versuch, den Passo dell Invergneux zu erklimmen. Ich fühlte mich von Beginn an gut und freute mich, heute direkt den nächsten Versuch unternehmen zu können. Die Tatsache, dass ich fast den gesamten Anstieg schon kannte und daher keine Überraschungen auf mich warteten, ließ mich auch entspannt pedalieren. Für heute ging es nur darum, möglichst noch mit trockenen Klamotten im Rucksack oben anzukommen. In den Pausen zog ich daher immer kurz das Langarmtrikot an und trocknete mein verschwitztes Funtionsshirt und das Trikot in der Sonne.
Auf dem Weg war wie am Vortag wenig los, ein paar E-Biker, mal ein Wanderer, 2 Autos und tatsächlich auch zwei Bio-Biker. Ansonsten war man mit sich und der tollen Natur alleine. Ich passierte wieder den schönen Wasserfall und erreichte schließlich wieder die Käserei. Diesmal hatte ich in der Tat noch einigermaßen trockene Klamotten. Ich aß eine Kleinigkeit und trockenete wieder die verschwitzten Kleider in der Sonne. Diesmal würde ich den Pass erklimmen, daran sollte es eigentlich keinen Zweifel geben. Nach der Käserei ging es noch ein paar Meter bergauf, ehe ich die Hochebene erreichte und kurz danach die Brücke querte und der Schlussanstieg begann. Der Weg wurde jetzt etwas schlechter, war aber trotzdem noch gut zu fahren.
Auch diesmal machte ich bei der kleinen Brücke noch mal eine kurze Pause und machte mich dann auf, auch die letzten 300 Höhenmeter zum Passo dell Invergneux zu erklimmen. Es sah von unten schon etwas heftig aus. Der Weg zog sich zunächst schon einsehbar fast kerzengerade den Hang empor. Der letzte Teil des Anstieges war von unten dann nicht zu erkennen. Irgendwo im felsigen Gebiet musste es wohl einen Durchgang geben. Ich freute mich trotzdem. Mir standen zwar etwa eine Stunde schieben und tragen bevor. Aber nach dem gestrigen Abbruch war es ja genau das, was ich heute erreichen wollte.
Der Anfang war dann auch gut zu schieben. Nach etwa 2/3 wechselte ich schließlich und begann mein Rad zu tragen. Aber auch das war eigentlich kein Problem. Ein schöner Trampelpfad der weder besonders steil noch verblockt ist. So kam ich gut voran. Trotzdem sind 300 Höhenmeter eben 300 Höhenmeter und daher brauchte ich auch die prognostizierten 60 Minuten ziemlich genau. Um etwa 13:10 Uhr stand ich also Stolz und zufrieden auf dem Passo dell Invergneux und genoss die zumindest nach Süden tolle Aussicht.
Es war ein tolles Gefühl endlich hier oben zu stehen. Letztes Jahr machte mir ein Unwetter und die komplette Sperrung des Tals einen Strich durch die Rechnung. Gestern dann das Wetter, heute war es also vollbracht. Ich machte keine allzu lange Pause, aß aber eine Kleinigkeit. Dann machte ich mich auf den Weg und war gespannt, was der so oft gelobte Trail für mich bereit halten sollte. Es war dann in der Tat ein endlos langer Flowtrail. Ich musste aber an der ein oder anderen Stelle trotzdem wenn auch manchmal nur zur Sicherheit vom Rad. Auch die Aussicht war etwas begrenzt. Aber auf fast 3.000 Meter Höhe überhaupt längere Zeit fahren zu können, ist halt alles, nur keine Selbstverständlichkeit in den Alpen.
Irgendwann erreichte ich die Häuseransammlung Grauson Inferiore. Ab hier war der Flow dann zu Ende. Dafür wurde die Aussicht jetzt noch ein mal besser. Es ging zunächst in den Wald und das Teilstück war zum großen Teil auch fahrbar, dann erreichte ich einen tollen Aussichtspunkt mit Blick auf den Grand Paradiso. Kurz danach musste ich in einem steilen verblockten Stück etwa 15 Minuten laufen. Ich begegnete hier auch erstmals wieder Wanderern die von unten hochkamen. Außerdem E-Biker die vom Passo dell Invergneux kamen. Nachdem dieses Stück bezwungen war, landete ich auf einer breiten Schotterstraße die gut zu fahren war. Auch dieses Stück dauerte aber nicht lange. Kurz danach überquerte ich den links neben mir verlaufenden Fluss über eine Brücke und war überrascht, dass ich erstmal wieder etliche Höhenmeter bergauf mein Rad schieben musste. Das hatte ich so nicht auf dem Schirm und ich war mir auch nicht sicher, ob ich wirklich den richtigen Weg erwischt hatte. Es dauerte aber nicht lange, da landete ich wieder auf einem leichten Flowtrail mit tollen Aussichten. Kurze Zeit später erreichte ich auch schon Lilian.
Ich hatte mir hier im Vorfeld auf der Karte noch angeschaut, wie ich über Trails nach Cogne abfahren konnte. Ich muss aber gestehen, mir war inzwischen nicht mehr nach Trails. Der lange Tag hatte durchaus Spuren hinterlassen und ich genoss es, die letzten Meter einfach locker über die Straße abzufahren und auch mal meinen Blick auf die tolle Bergwelt schweifen zu lassen. Müde aber absolut zufrieden erreichte ich um ca. 15:25 Uhr nach 4:45 h reiner Fahrtzeit, 38 km und 1.500 hm wieder mein Auto in Cogne. Die Rückfahrt verlief problemlos. Im Hotel angekomen, duschte ich erstmal und gönnte meinen Beinen sehr lange sehr viel kaltes Wasser. Irgendwie muss man ja die mangelnde Form kompensieren.
Ich hatte ganz gut geschlafen und startete so gut gelaunt mit etwas Müsli im Bauch in Tag 3. Da ich am Abend ohnehin meinen Startort nach Etroubles verlegen würden, beschloss ich morgens gleich meinen Parkplatz beim B&B freizumachen und mir ein paar Höhenmeter zu sparen. So parkte ich oben in La Salle und startete um 7:45 Uhr meine dritte Tour. Es ging zunächst auf Asphalt bereits richtig steil los. Das Wetter war prima, wieder ein kleines bischen wärmer als am Vortag und fast ausschließlich blauer Himmel. Trotzdem war es so früh am Morgen und im Schatten der Berge noch sehr frisch. Ich zog mir daher schon sehr schnell die Armlinge über. Die Straße war sehr schmal und entsprechend wenig war auch los. Schon nach wenigen Metern konnte ich erste Blicke auf den schneedbeckten Mont Blanc werfen. Ich fuhr hier alles auf dem größten Ritzel. Wenn man direkt vom Start weg bergauf fährt, braucht man einfach immer eine Weile um einen guten Tritt zu finden. Die Straße wurde später etwas breiter und die Steigung ließ nach.
Außer zwei Autos die mich überholten, war nicht viel los. Auch in den vielen kleinen Dörfern die ich passierte, schien der Tag noch nicht begonnen zu haben. Nach einer Weile erreichte ich eine Straße die aufgrund Baustelle gesperrt war. Ich fuhr trotzdem weiter und kam auch problemlos durch. Es war erstaunlich zu sehen, wie viel Aufwand da betrieben wurde, um auf einer Länge von etwa 50 Metern die Straße am Hang abzusichern. So langsam kam auch die Sonne raus und dementsprechend wurde es langsam wärmer. Auf ca. 1.650 m Höhe bei Challancin endete die Straße. Der weiter schmale Weg war aber anfangs noch asphaltiert. Ich kam dementsprechend gut voran und hatte gefühlt gute Beine. Kurze Zeit später wechselte der Belag dann auf gut zu fahrenden Schotter. Das letzte Stück bis Ors Desot auf 2.100 m Höhe durfte ich dann auf einem gut zu fahrenden Waldweg absolvieren. Ich erreichte eine größere Hütte und suchte zunächst vergeblich nach einem Brunnen oder Wasserhahn. Als ich dann hörte, dass drinnen jemand war, klopfte ich vorsichtig an die Tür. Mir wurde tatsächlich aufgeschlossen und die Wasserflaschen gefüllt. Ich hatte ganz schön Glück, denn der ältere Herr schloss danach direkt wieder zu und brauste mit dem Auto davon.
Das Tal hatte sich jetzt deutlich geöffnet. Nachdem ich zu Beginn fast ausschließlich in eine Richtung freie Sicht hatte, taten sich jetzt in fast alle Richtungen hohe Berge auf. Ich machte eine längere Pause und aß etwas, ehe ich mich wieder auf den Weg machte. Auf ca. 2.250 m Höhe merkte ich plötzlich, dass ich gar nicht mehr auf dem Track war. Ich war an einer Stelle einem Weg nach links gefolgt anstatt weiter geradeaus zu fahren. Der Weg verlor sich dann leider in hohem Gras und ich musste mehrfach übers Handy meine Postion checken, um zu wissen, ob ich noch in die richtige Richtung unterwegs war. Letzlich konnte ich nur die ersten und die letzten 50 m fahren. Wäre ich auf dem Track geblieben, wäre ich aufgrund der Steigung und des doch etwas gröberen Schotters evtl. auch nicht komplett im Sattel geblieben. Aber ich denke trotzdem, dass es der weniger anstrengendere Weg gewesen wäre. Trotzdem erreichte ich zufrieden um 11:20 Uhr Tramail des Ors auf 2.400 m Höhe und somit das Ende des fahrbaren Teils. Ab hier waren nun noch 150 Höhenmeter schiebend zu bewältigen.
Gegen Ende waren noch mal ein paar steilere Stellen zu meistern. Dort wäre das Rad zu schultern evtl. die bessere Alternative gewesen. Aber ich fühlte mich noch fit und hatte heute keinen weiteren Anstieg mehr zu bewältigen. Da kann man dann schon mal faul sein und einfach weiter schieben. Um kurz vor 12 Uhr war ich dann auch schon oben. Ich machte dort noch mal eine längere Pause. Die Aussicht war leider etwas getrübt. Mittlerweile waren eben doch einige Wolken aufgezogen. Theoretisch sollte von hier der Blick bis zum Matterhorn reichen.
Um so besser war das, was danach folgen sollte. Die ersten Meter bergab lief ich noch, dann setzte ich mich aufs Bike und musste nur ab und zu mal vom Rad. Nach einer Weile folgte dann aber ein herrlicher Flowtrail, bei dem man sogar die Blicke immer wieder schweifen lassen konnte. Und die Aussicht war dermaßen gut, dass ich davon reichlich Gebrauch machte. Daher wunderte ich mich auch, dass ich unterwegs kaum Biker oder Wanderer getroffen hatte. Die Tour kommt definitiv auf meine Muss-ich-noch-mal-machen Liste. Erst auf der Abfahrt kam mir eine Gruppe E-Biker entgegen. Später traf ich noch wenige Wanderer.
Es folgte noch einmal ein kurzes Stück auf Schotter, ehe es erneut auf einem schönen Trail weiter Richtung Col de Bard ging. Dort angekommen, wendete ich mich nach rechts und folgte einem steilen Singletrail in den Wald. Die ersten Meter lief ich hier sicherheitshalber wieder. Dann konnte ich den Großteil fahren. Zwischendrin gab es immer mal wieder steilere Abschnitte die ich sicherheitshalber neben dem Rad bewältigte. Aber insgesamt war auch dieser Abschnitt toll zu fahren. Später ließ die Steilheit etwas nach, es war aber immer noch sehr schmal und daher musste man schon aufmerksam sein. Gerade am Ende einer langen Tour neigt man dann ja doch zu der ein oder anderen Unaufmerksamkeit. Und die Aktivpostion ist dann auch nicht immer so tief, wie sie nach Gelände und Wegbeschaffenheit sein sollte.
Nach einer Weile erreichte ich nach Verlassen des Waldes eine Schotterstraße. Meine Beine waren ob der tiefen Position in der Abfahrt ganz schön müde und ich beschloss zunächst dem Weg zu folgen und auf weitere Singletrails zu verzichten. Ein Blick in die Karte zeigte mir aber dann, dass dies genau der Weg war, den ich im Vorfeld geplant hatte und dort im Anschluss noch einmal eine steile Singletrailabfahrt folgen würde. Daher wählte ich den Waldweg der nach rechts abbog und sich schnell als die für mich sinnvollere Variante entpuppte. Er war schön zu fahren und nach kurzer Fahrt erreichte ich wieder die Straße auf der ich Stunden zuvor bergauf unterwegs war, was ich zu der Zeit befriedigend zur Kenntnis nahm. An einer Bushaltestelle machte ich noch mal eine kurze Pause und aß eine Kleinigkeit. Als ich weiterfahren wollte, bemerkte ich dass mein Rad klapperte und stellte fest, dass sich meine Hinterradachse gelockert hatte. Das hätte auch böse ins Auge gehen können. Ab und zu sein Rad zu checken, ist daher sicherlich ratsam. Ich brauchte ewig, bis ich mein Multitool finden konnte, ehe ich sie festzog und endlich weiterfahren konnte. Auf der Abfahrt hatte ich dann noch einen Reifenschaden und musste den Schlauch wechseln. Um 14:50 Uhr erreichte ich schließlich nach 30 km, 1.600 hm und 4:10h reiner Fahrtzeit wieder mein Auto.
Ich fuhr mit dem Auto nach Saint Oyen, wo ich mir ein Zimmer im Hotel Mont Velan gebucht hatte. Da ich von meinem letzten Aufenthalt wusste, dass es in Saint Oyen nur einen ganz kleinen Supermarkt gibt, kaufte ich unterwegs in Aosta noch einiges zum Essen ein. Mittlerweile ist der Supermarkt wohl ganz geschlossen. Ich flickte meinen Reifen, ging abends im Hotel sehr lecker Essen und bestellte gleich noch das Frühstück ab. Morgen wollte ich sehr früh los und ich hatte noch genügend Müsli dabei. Es wurde mir zwar keine Erstattung angeboten, dafür gab es abends zum Essen ein Freigetränk.
Ich hatte miserabel geschlafen, obwohl es wirklich kühl und das Bett auch sehr bequem war. Leider hatte ich etwas Schnupfen und obwohl ich zweimal in der Nacht Nasenspray nutzte, bekam ich einfach die Nase nicht frei. Einen Vorteil hatte das Ganze aber. Ich saß schon um 7:20 Uhr auf dem Rad und startete in Tag 4. Das war mir druchaus Recht, denn heute stand eine ganz besondere Etappe an. Als ich vor etwa 2 Jahren zum ersten Mal Bilder des Steilhangs am Col Malatra gesehen hatte, war mein erster Gedanke: "Wie komplett bescheuert muss man sein, hier mit dem Rad raufzuwandern". Dabei kommt das schwerste Stück mit Seilsicherung und Trittstufen aus Stahl ja erst danach. Aber wie es halt so ist, man schaut sich immer öfters die Bilder an und liest die wenigen Berichte dazu und irgendwann fragt man sich dann selbst: "Ja warum eigentlich nicht". Aber selbst abends war ich mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee war. Ich las dann tatsächlich noch mal einen Bericht von einer Frau, die den Malatra überquert hatte. Auch wenn das alles letzlich mit dem Geschlecht nichts zu tun hat, war mein erster Gedanke: "OK, so schlimm kann das ja dann alles nicht sein!".
Es war so früh am Morgen noch recht frisch. Die Straße Richtung Grand Saint Bernard stieg die ersten Meter nur gemächlich an. So konnte ich mich locker einrollen und versuchte möglichst nicht schon hier ins Schwitzen zu kommen. Trotz der Fahrt auf der Straße, war so früh am Tag kaum Verkehr vorhanden. Bei Saint Rhemy en Bosse verließ ich die Hauptstraße und kürzte über einige kleinere Weiler ab. Dementsprechend zog hier die Steigung deutlich an. Dafür war dann verkehrmsäßig gar nichts mehr los. Langsam blickte auch die Sonne immer mal wieder über den Bergketten hervor. Ich kreutzte noch einmal die Hauptstraße und fuhr anschließend auf einem kleinen schmalen Sträßchen mit wechselnder Steigung zur Arp de Jeux.
Bei Arp de Jeux endete dann der Aspahlt. Zunächst ging es auf einem hübschen Wald-/Schotterweg fast flach voran, ehe die ersten steileren Stücke folgten. Danach folgte sogar eine kleinere Abfahrt, ehe die Steigung wieder deutlich anzog. Der Weg war aber von so guter Beschaffenheit, dass es selbst in den Steilstücken problemlos zu fahren war. Das Wetter war auch hervorragend, das war bei dem heutigen Übergang am Col Malatra auch wichtig. Seit dem Abzweig bei der Arp de Jeux, hatte ich niemanden mehr getroffen. So liebte ich es im Urlaub. Einsam in einer schönen Berglandschaft mit angenehmer Steigung. Der Weg war wirklich außerordentlich gut zu fahren. Immer mal wieder kamen auch flachere Abschnitte, so dass man sich zwischendrin auch ausruhen konnte.
Um 9:35 Uhr erreichte ich schließlich die Tza Merdeuz auf 2.270 m Höhe. Ich war bislang gut vorangekommen und wirklich früh dran. Zufrieden stellte ich fest, dass von oben Richtung Malatra zwei Wanderer kamen. Es schien also so, als ob ich am Übergang nicht alleine sein würde. Das beruhigte mich ein wenig. Ich war bis hierher alles noch mit Armlingen gefahren, weil es vor allem im Schatten noch sehr kalt war. Ich machte dort erstmal eine Pause, aß etwas und wechselte das Schuhwerk. Ich hatte für die schwierige Schlusspassage am Malatra extra leichte Wanderschuhe eingepackt. Mit meinen Radschuhen mit Cleats bin ich zwar schon so einiges gewandert. Damit aber über die Eisentrittstufen wollte ich mir dann doch nicht antun.
Der Beginn des Wanderweges war noch gut zu schieben. Später wurde es aber deutlich steiler und wahrscheinlich wanderte mein Rad mal wieder zu spät auf die Schulter. Den Moment zu erwischen, wann tragen die effizientere Methode des Vorankommens darstellt, ist eben auch eine Kunst. Jedenfalls wurde es irgendwann verblockt, so dass es vernünftigerweise gar nicht anders ging. Ich überlegte noch kurz, ob ich den Abstecher zum Rifugio Frassati mitnehmen sollte. Auf der Karte sah es so aus, als ob es ein paar zustäzliche Höhenmeter wären. Bevor ich mich aber so richtig entscheiden konnte, war das Rifugio schon in Sicht und damit das Ziel auch klar. Etwa 40 Minuten nach Aufbruch von der Tza Merdeuz kam ich dort an. Es war eine gute Entscheidung, das Rifugio ist ein nettes Plätzchen, ich konnte meine Wasserflaschen füllen und traf auch hier auf ein paar Wanderer. Für mich schien es so, als ob sie dort übernachtet hatten. Mir war nur nicht klar, ob sie den Malatra noch vor oder schon hinter sich hatten. Das Wetter war hier oben gefühlt wärmer als im Tal. Das lag aber sicher auch daran, dass mittlerweile weder Berge noch Wald Schatten spendeten.
Nach einer kurzen Pause ging es dann weiter. Wieder schob ich zunächst, zwischendrin konnte man sogar mal für ein paar Meter fahren. Aber auch hier schob ich wohl wieder zu lange. Ich spürte nach einer Weile deutlich meinen Rücken. Immer wieder blickte ich nach oben, in der Hoffnung, den Malatra erstmals zu erblicken. Dann war es soweit. Hinter einem Hügel tauchten die berühmten Zacken auf und ich ahnte, wo der Übergang war. Ich musste erstmal schlucken. Von hier unten sah das eben eher nach einer Kletterpartie und nicht nach einem Mountainbike-Pass aus.
Es dauerte nur ca. 15 min da kam dann auch der Steilhang in Sicht. Es waren gemischte Gefühle die das in mir auslösten. Zum einen dachte ich mir: "Alter, du bist total bescheurt". Das Bild von der Querung des Hanges sah in live genauso furchteinflößend aus, als auf Bildern im Netz. Anderseits war ich auch stolz und glücklich. Was vor gar nicht allzu langer Zeit unmöglich für mich erschien, war jetzt live und in Farbe vor mir und zum Greifen nah. Ich musste nur den Pass noch bewältigen.
Man muss aber sagen, der Pass meint es trotz der hochalpinen Lage gut mit dem gemeinen Biker. Je näher man dem Steilhang kommt, desto weniger furchteinflößend ist er. Dazu ist er auch gar nicht mal so steil, so dass man davor gut schieben oder sogar ein paar Meter fahren kann. Und auch der Einstieg ist noch nicht so steil und ich konnte ihn schiebend bewältigen. So kann man sich noch mal ein wenig ausruhen, bevor es heftig wird. Nach etwa 2/3 des Steilhangs legte ich dann noch mal eine kurze Pause ein und baute mein Rad um. Ich hatte mir im Vorfeld lange überlegt, wie ich die Kletterpassage meistern würde. In manchen Kommentaren zum Pass steht, dass man beide Hände frei haben sollte. Dann hätte ich aber eine Tragehilfe benötigt. Und diese zwei Tage mit mir rumzuschleppen nur für 50 hm kam mir dann doch übertrieben vor. Trotzdem hatte ich Schiss, dass ich evtl. mit dem Vorderrad an der Felswand hängen bleiben könnte. Daher baute ich das Voderrad aus und befestigte es mit meinen Beinlingen am Hinterrad.
So startete ich dann den letzten Teil. Von oben kamen mir immer mal wieder Wanderer entgegen. Alle hatten aber ein freundliches Lächeln auf den Lippen wenn auch manchmal gepaart mit ungläubigem Staunen. Aber keine blöden Kommentare was ich da mache. Es wurde jetzt schon sehr anstrengend und ich schnaufte noch zweimal durch. Ich traute mich aber nicht, das Rad noch mal abzulegen. Es war schon sehr steil und ich müde. Wenn man dann das Rad über den Kopf hebt, kann man auch schnell mal das Gleichgewicht verlieren. Der Pass dürfte nur für trittsichere Wanderer empfehlenswert sein. Dementsprechend gilt das natürlich auch für Biker. Man muss schon ein wenig drauf achten wo man hintritt. Die Seilpassage war dann gar kein Problem. Immer eine Hand am Seil, das Bike gut stabilisiert auf der Schulter, gab es da eigentlich kein Problem. Trotzdem machte ich kurz davor eine Pause, brachte den Puls runter und versuchte die Konzentration zu halten. Auch die folgenden Trittstufen aus Eisen waren gut zu meistern, wenn auch vielleicht noch einmal mit etwas mehr Respekt. Das allerletzte Stück, und wir reden da von vielleicht 10 Metern, waren dann fast die Schwierigsten. Hier gab es kein Seil mehr und es war auch nicht so ganz klar, wie man am einfachsten hochkommt. Ich fragte einen Wanderer der gerade oben war und deutete auf die Stelle, die mir am sinnvollsten schien. Er nickte und so stand ich ein paar Augenblicke später in dem schmalen Spalt namens Col Malatra.
Ich habe von den Schlüsselstellen leider nicht wirklich viel Bilder, da ich mein Rad nicht ablegen wollte und mit einer Hand auch nicht wirklich fotographieren konnte. Ich hoffe für alle Nachahmer die Beschreibung reicht aus. Es war ein erhebender Moment. Wie so oft, wenn man sich lange mit einem Pass beschäftigt hat und in dem Fall sogar lange bezweifelt hat, ob es wirklich machbar ist. Die Aussicht war dann auch fantastisch, vor allem in nördlicher Richtung. Der Mont Blanc war zum Greifen nah, majestetisch umhüllt von einer kleinen Wolke. Ich wanderte sofort noch ein paar Meter hinab und legte dort mein Rad ab, da auf der Passhöhe nicht wirklich viel Platz ist und von beiden Seiten Wanderer hochkamen. Dann aß ich etwas und genoß endlos lange die tolle Aussicht. Aber irgendwann musste ich schweren Herzens los. Die Abfahrt sah zunächst fahrbar aus. Das wäre sie wohl auch gewesen. Leider traute ich mich nicht über die in regelmäßigen Abständen vorkommenden kurzen Schotterabgänge zu fahren. Daher lief ich dann doch einiges bis es weiter unten flacher wurde und ich einen Fluß erreichte. Nach gut 20 Minuten war die Steinwüste aber absolviert und ich konnte auf einem schönen Wiesentrail einiges mehr fahren.
Trotzdem musste ich auch hier immer mal wieder vom Rad. Dann fing das Drama an. Ich wollte mal wieder ein Foto schießen und stellte fest, mein Handy war weg. Ich habe das seit Jahren immer vorne in der Lenkertasche liegen. Vor 2 Jahren war es mir schon mal im Aufstieg zum Col della Rho rausgeflogen ohne dass ich es bemerkt hatte. Daher war mein erster Verdacht, dass es wieder passiert ist. Ich hätte es eigentlich besser wissen müssen, weil in meiner Erinnerung der Reißverschluss halb zu war und somit ein Rausfallen eigentlich unmöglich war. Ich suchte aber mehrfach den Weg ab. Mir entgegen kommende Wanderer boten mir noch ihr Handy an und ich sprach meiner Frau auf den AB, dass sie heute evtl. nichts mehr von mir hört. Irgendwann kommen dann die Fragen auf, wie gehts weiter. Ich hatte noch nicht mal ein Hotel gebucht und hatte das Handy auch immer wieder zur Orientierung benötigt. Es kamen schon Gedanken hoch den Urlaub abzubrechen, aber soweit war ich dann doch noch nicht. Irgendwann suchte ich vor lauter Verzweiflung nochmal die Lenkertasche ab und da war es, es war einfach im vorderen Bereich runtergerutscht. Ich verfluchte mich und war gleichzeitig einfach nur happy. Es konnte jetzt also weiter gehen. Die ganze Aktion hatte mich etwa 40 Minuten gekostet.
Nachdem ich mich von dem Schreck erholt hatte, wurde ich mit einer längeren Passage belohnt, die auch für mich komplett fahrbar war. Erst nach einer Weile wurde es wieder steiler und somit musste ich wieder öfters vom Rad. Als ich an einer steilen und verblockten Stelle mal wieder vom Rad abstieg und kurz pausierte, kam von hinten ein anderer Mountainbiker und fragte ob alles ok wäre. Ich bejahte und als er mein Bike sah, meinte er nur: "It's the wrong Bike for this!". Ich antwortete nur: "It's not only the bike" und wollte damit andeuten, dass halt auch meine Fahrkünste nicht die Besten sind. Ich war dann aber schon erstaunt, mit welcher Leichtigkeit er mit seinem Fully die für mich unfahrbare Stelle meisterte. Nach der Steilstufe wurde es wieder flacher ehe die letzten Meter bis zum Rifugio Bonatti nochmal etwas steiler wurden. Vorher machte ich noch mal eine längere Verpflegungspause. Um 14:24 Uhr erreichte ich schließlich das gut besuchte Rifugio. Ich hielt mich dort nicht lange auf und bog in den Wanderweg ein, der auch Balcon Ferret genannt wird, wohl wegen seiner ausgezeichneten Aussicht. Der Weg ist von der Aussicht her dann auch absolut vom Feinsten. Man fährt qausi parallel zum mächtigen Mont Blanc Massiv und ist so nah, dass man wahrscheinlich Bergsteigergruppen erkennen könnte. Getrübt wird das Ganze durch das ständige Auf und Ab und durch die Heerscharen an Wanderern die einem entgegenkommen. Bis auf einer, der mir andeutete dass hier ein Radverbot herrscht, verlief aber alles sehr harmonisch. Ich stieg aber auch immer ab, wenn mir welche entgegenkamen. Ein Verbotsschild sah ich tatsächlich erst bei Lechey Demon, wo ich ohnehin ins Tal abbog.
Auffallend auf dem Trail waren noch die verschiedenen Nationen. Auch wenn sich das natürlich nicht immer klar sagen lässt. Aber die Ostasiaten waren ausgerüstet, als ob es Richtung Everest ging und gegen Ende kamen mir nur noch Gruppen mit indisch aussehenden Personen entgegen. Entweder sind das alles Langschläfer oder sie sind einfach nur langsam unterwegs. Ich weiß leider nicht, ob es früher oder später besser gewesen wäre, denke aber mal nach 16 Uhr sollte tatsächlich weniger los sein.
Nach knapp einer Stunde verließ ich den Höhenweg dann und bog in einen Singletrail Richtung Val Ferret ab. Dieser war dann für mich die Krönung eines fantastischen Tages. Einfach weil er ziemlich genau meinem Können entsprach oder vielmehr dem, was ich mir im Urlaub zutraue. Es gab zwar auch hier ein paar ganz kurze Stellen, an denen ich sicherheitshalber abstieg aber der Großteil war einfach nur laufen lassen. Zwischendrin schaffte ich es sogar in einigen Spitzkehren mein Hinterrad zu versetzen. Nach etwa 400 hm war der Spaß dann vorbei. Ich machte an einem Fluss eine längere Rast, verpflegte mich noch mal und buchte mir ein Zimnmer in Morgex. Danach ging es locker auf der Straße noch gut eine Stunde bergab, wobei ich zwischendrin immer mal wieder auf dem Handy schauen musste, ob ich noch auf dem richtigen Weg war und nicht unnötig auf der Schnellstraße landetete. Glücklich aber auch ganz schön müde kam ich schließlich um kurz nach 17 Uhr nach 51 km, 1.850 hm und einer reinen Fahrtzeit von ca. 6:35 h in Morgex an. Bei meiner Unterkunft Casa Netto brauchte ich eine Weile, bis jemand ans Telefon ging und ich endlich mein Zimmer beziehen konnte. Ich hatte auch nur ein Schlafsofa, das war aber überraschend gut. Danach gings noch in den Supermarkt, wo ich viel zu viel zum Essen einkaufte :-) Außerdem konnte ich meine Klamotten in der Waschmaschine waschen und kaufte mir für abends eine Pizza.
Ich hatte mal wieder nicht gut geschlafen und wachte früh auf. Irgendwie schaffte ich es doch, meine ganzen am Vortag gekauften Lebensmittel in den Rucksack zu pressen. Verhungern würde ich heute jedenfalls nicht. Ich aß die letzten Reste meines Müslis und startet bereits um 7:15 Uhr meine letzte Tour. Es ging erstmal auf Straße leicht bergab bis Runaz. Das kam mir gerade Recht, um nach dem gestrigen langen Tag die Beine etwas locker zu fahren. Heute würde noch mal ein richtig harter Tag auf mich warten. Wie hart er wirklich werden würde, ahnte ich zu der Zeit noch nicht. In Runaz ging es dann hoch Richtung Saint Nicolas. Ich hatte mir am gestrigen Tag noch überlegt, ob ich nicht noch bis dahin weiterfahren sollte, um den heutigen Tag etwas zu entschärfen. Gott sei Dank hatte ich von dieser Schnappsidee Abstand genommen. Gleich zu Beginn ging es erstmal durch ein längeres Tunnel, in denen ich ohnehin immer schnelle fahre, als ich sollte. Ich kam aber auch im Anschluss auf der steilen Straße schon in ausgeruhtem Zustand an meine Grenzen. Laut Profil hat die Straße keine 10% im Schnitt, mit dem Mountainbike also eigentlich kein Problem. Mir kam es deutlich steiler vor, Spitzen von bis zu 13% und wirklich keinen flachen Meter zum Ausruhen. Aber wahrscheinlich war das schon ein Zeichen, dass die letzten Tage ihre Spuren hinterlassen hatten. Schon nach einer Stunde Fahrtzeit machte ich daher an einem schönen Picknickplatz eine kleine Pause.
Direkt nach der Pause wechselte man die Richtung. Der Mont Blanc war jetzt nur noch im Rücken zu sehen. Dafür ging es kurz nach der Pause zunächst flach weiter, was natürlich gut war die Beine wieder in Schwung zu bringen. Dann folgte sogar eine kurze Abfahrt nach Saint Nicolas. Dort verließ ich die SR26 und fand mich auf einer kleinen aber wieder steileren Straße wieder. Sofort fing ich wieder heftig an zu schwitzen. Die Steigung war aber im Vergleich zum Beginn des Anstieges eher moderater. Der Verkehr wenn man ihn denn so nennen kann wenn mal alle paar Minuten ein Auto kommt, mahm hier fast zu. Schon hier wurde mir klar, dass es heute ein harter Tag werden würde. Ich versuchte mich dadurch zu motivieren, immer wieder ins Tal zu blicken und mich über die vielen Höhenmeter zu freuen, dich ich schon zurückgelegt hatte.
Der weitere Weg war dann durchaus abwechslungsreich. Der Mont Blanc war zwar gar nicht mehr zu sehen, dafür immer wieder andere hohe, schneebedeckte Berge. Ich legte bald schon die nächste Pause ein und aß wieder einen Happen. Die letzten 300 Höhenmeter bis zum Ende des Asphaltes bei Vetan Vinette vergingen so trotz der schon einsetzenden Müdigkeit wie im Flug. Ab jetzt sah ich nur noch ab und zu Mountainbiker oder Wanderer. Zug Beginn der Naturstraße war der Schotter durchaus grob, aber immer noch gut zu fahren. In der Folge wechselten sich gute und schlechte Abschnitte ab, es war aber immer problemlos zu fahren. Auch die Steigung war sehr unrhythmisch mit vielen steilen Abschnitten und wenigen flacheren Passagen. Ich beschloss jetzt immer alle ca. 400 hm eine Pause einzulegen, was natürlich nicht gelang. Pausen legt man ein, wenn der Körper danach verlangt oder die Umgebung dazu einlädt. So langsam wurde der Blick nach oben frei, eine hügelgige grasbewachsene Landschaft. Nur den Monte Fallere konnte ich nirgends ausmachen. Um etwa 11 Uhr erreichte ich die 2.000 Höhenmetermarke und war damit nur noch 400 Höhenmeter von meinem ersten Tagesziel entfernt.
Die Zahl der Wanderer und E-Biker nahm nun langsam zu. Der Weg ist aber auch wirklich schön. Irgendwann kommen am Wegesrand die verschiedensten Holzschnitzereien zum Vorschein. Alles beginnt mit einer Kuh die schon weit von unten aus zu sehen ist. Danach folgen weitere Tiere, Römer und vieles mehr. Es folgten noch zwei richtig steile Stellen mit zum Teil auch grobem Schotter, die ich nur mit Mühe meisterte. Dann erreichte ich endlich um 12:02 Uhr schon leicht angeknockt das Rifugio. Hier oben war dann alles zu sehen. Von einem E-Biker Pärchen das locker die 70 überschritten hatte bis zu einer Familie auf E-Bikes, die ihr mit Sicherheit noch nicht drei Jahre altes Kind vorne im Kindersitz hatten. OK Biobiker sah man hier eher selten. Ich wollte in dem Trubel keine Pause machen und die Aussicht war jetzt auch nicht so berauschend, dass man unbedingt bleiben musste. Die ersten paar Meter des folgenden Wanderweges konnte ich noch fahren. Danach ging es erstmal steil bergauf und es war schieben und tragen angesagt.
Ich ließ hier ganz schön Körner liegen. Effektiv sind es zwar nur 50 Höhenmeter Unterschied vom Rifugio zum Lago Fallere. Aber die wollten durch das ständige und teils durchaus verblockte Auf und Ab hart erarbeitet werden. Irgendwie hatte ich damit nicht gerechnet und fürchtete unterwegs schon, ich wäre auf dem falschen Weg. Aber irgendwann erreichte ich den See dann mit viel Schieben und eher wenig Tragen dann doch. Sind die Beine müde, spielt wohl auch der Kopf nicht mit. Jedenfalls erreichte ich abgekämpft den See und beging einen dummen Fehler. Anstatt weiter am See entlang zu fahren und auf einen wahrscheinlich fahrbaren Trail auf die Schotterstraße Richtung Col de Metz zu stoßen, bog ich rechts ab und landete in einem steilen verblockten Trail, bei dem für mich an Fahren nicht zu denken war. Ich merkte dann auch irgendwann, dass ich falsch war und dachte schon, ich kann mein Rad den ganzen Quatsch wieder hoch wuchten. Ich sah dann aber auf der Karte, dass ich unten wieder auf eine Schotterstraße landen würde und von dort Richtung Col de Metz fahren konnte.
Endlich an der Taz de Morgnoz angekommen setzte ich noch einen drauf. Anstatt dort links auf einem Trail direkt zur Schotterstraße abzukürzen, fuhr ich erst noch ein Stück bergab, ehe ich dann endlich auf den aus dem letzten Jahr bekannten Weg stieß. Ich verfluchte mich mehrfach. Ich war ohnehin schon ziemlich am Ende, da konnte ich zusätzliche Höhenmeter einfach nicht brauchen. Zuhause nachgerechent ergaben die Umwege nur 2 km und 140 Höhnemeter mehr. Ob es am Ende was ausgemacht hätte, ich weiß es nicht. Für die Psyche war es aber sicher nicht erträglich. Um 13:30 erreichte ich endlich das Ende des fahrbaren Teils und Begann nach einer kurzen Pause den Anstieg zum Col de Metz. Ich war mittlerweile fix und fertig und mir schwante Böses, noch war einiges an Arbeit sowohl bergauf als auch bergab zu leisten. Das Wetter zog langsam auch etwas zu, was meine Laune auch nicht verbesserte. Ich kannte die Wanderung zum Pass ja aus dem letzten Jahr und dachte eigentlich, die war gar nicht so schlimm. Aber wenn man keine Power mehr hat, ist jeder Meter ein Meter zu viel. Ich musste immer mal wieder Pausen einlegen. Den ersten und den letzten Teil schob ich das Rad, auf dem Mittelteil trug ich es, beides war gefühlt gleich anstrengend.
Es ist schon Wahnsinn, wie unterschiedlich Stimmungen sein können. Letztes Jahr stand ich hier oben und war total euphorisiert. Ich schrieb später in meinem Bericht, dass es einer meiner besten Mountainbike Touren war. Jetzt stand ich hier oben, war komplett fertig und wollte nur noch irgendwie ankommen. Ich machte nur eine kurze Pause und aß einen Muffin, wohl auch weil ich dachte die paar Meter bis zum Punta Chaligne wären schnell geschafft. Und wieder trügte mich die Erinnerung. Für mich war es an diesem Tag die Hölle. Sehr steil zu Beginn, etwas flacher im Mitteilteil und unglaublich steil am Ende. Tragen wollte ich mein Rad nicht mehr, also wurde halt geschoben. Mein Tank war definitiv leer und trotzdem musste ich ja irgendwie weiterkommen. Immer wieder machte ich kurze Pausen um wieder zu Atem zu kommen. Oben traf ich eine Gruppe Wanderer die sehr gut gelaunt war und wohl auch noch mächtig Körner hatten. Jedenfalls wurde da mehr gejoggt als gewandert. Ich machte oben noch mal eine etwas längere Pause. Aber selbst die wirklich tolle Aussicht konnte mich nicht wirklich begeistern.
Die Abfahrt war dann wie erwartet. Zunächst ein Wechsel zwischen Laufen und Fahren. Dann folgte die wunderschöne Hangquerung. Diesmal gespickt mit Tausenden von Grashüpfer. Ich versuchte alles, um diese nicht massenhaft über den Haufen zu fahren. Aber letztlich hätte wohl nur Laufen neben dem Weg geholfen. Lautes Brüllen oder langsames Fahren halfen jedenfalls nicht. Als ich beim Versuch einem auszuweichen fast einen Abflug gemacht hätte, gab ich es auf. Dann folgte das nächste steile Stück mit Beginn des Waldes. Den Beginn meisterte ich noch auf dem Rad, dann wurde viel gelaufen. Als ich den kleinen Rastplatz erreichte, war es dann erstmal geschafft. Ab jetzt folgte ich einem schönen Trail, auf dem ich um 15:40 Uhr das Rifugio Chaligne erreichte. Auch dort gönnte ich mir noch mal eine Pause. Und wie schon beim letzten Mal fand ich wieder nicht sofort den richtigen Weg und landete im kompletten Dickkicht. Eigentlich ist es ganz einfach. Man muss wirklich direkt über und bis zum Ende des langgezogenen Gebäude entlang laufen. Direkt danach mussten noch mal 60 extrem steile Höhenmeter schiebend bezwungen werden.
Danach folgte ein steiler Trail auf dem ich nicht alles fahren konnte. Ab dem zweiten Rastplatz wurde es dann leichter, zwar immer noch meist steil, aber ich konnte immerhin alles fahren. Ich fuhr nicht ganz nach meinem Track, aber am Ende war mir das egal. Ich durfte mich nur nicht nochmal verfahren. Irgendwann erreichte ich eine Straße und kurz danach den Einstieg in die Suone. Auch diese schien einen komplett anderen Charakter als letztes Jahr zu haben. Während ich damals zu Beginn noch auf den Wasserlauf achtete, weil ich nicht glauben konnte, dass ich tatsächlich bergauf fuhr, gaben mir die Beine diesmal die klare Rückmeldung: Es geht bergauf! Der Weg ist wirklich wunderschön und zumindest so spät am Nachmittag auch nicht überlaufen. Aber genießen konnte ich das Alles schon lange nicht mehr. Ich war einfach nur um jeden Meter froh und vor allem irgendwann die Straße zu erreichen. Auch wenn dies dann noch mal ganz andere Steigungen bedeutete. So zog sich die lange steile Gerade nach Etroubles gefühlt wieder ewig. Aber irgendwann sah ich mein Auto auf dem Parplatz vor dem Hotel Mont Velan, das ich zwei Tage zuvor verlassen hatte. Es waren auf jeden Fall aufregende Tage die mir im Gedächtnis bleiben würden. So endete um 17:25 Uhr nach 73 km, 2.650 hm und einer reinen Fahrtzeit von 8:20 h meine bisher längste Tour mit dem Mountainbike. Ich packte alles zusammen, brauchte auf der Rückfahrt ewig, bis ich auf einem Parkplatz eine geeignete Stelle fand, um mich frisch zu machen und umzuziehen und erreichte um 23 Uhr wieder meine Heimat.
Fazit:
Wieder mal ein in der Summe toller Urlaub mit vielen Eindrücken die lange im Gedächtnis bleiben. Leider hatte ich am ersten Tag Pech mit dem Wetter. Sicher hätte man das auch durchziehen können und sicher hätte ich auch einfach mehr Klamotten mitnehmen können. Aber letztlich bin ich eher froh, dass ich mittlerweile solche Dinge akzeptieren kann und im Zweifel auch mal abbreche, anstatt auf Teufel komm raus meinen Plan durchzuziehen. Ansonsten war das Wetter topp. Mit der Streckenwahl bin ich grundsätzlich auch zufrieden. Der Invergneux hat geliefert, allerdings waren die Vorschusslorbeeren so hoch, dass er mich dann nicht komplett vom Hocker gerissen hat. Dafür hat dann der Col Fetita, von dem ich im Vorfeld kaum was wusste absolut geliefert. Der Malatra war dann einfach nur ein Traum. Und da ich durch den Abbruch am ersten Tag den Col de la Seigne verpasst habe, bin ich mir fast sicher, dass ich wiederkommen werde. Den Malatra und den Fetita würde ich sofort wieder fahren.
Naja, und dann war da halt noch der letzte Tag, den ich mal wieder zu optimistisch geplant habe und mich dann auch noch verfahren habe. Vielleicht lerne ich das auch noch irgendwann, dass 3-400 Höhenmeter über dem persönlichen Limit einem den ganzen Tag versauen können. Letztlich hat mir der Urlaub aber auch gezeigt, dass die Kombination von Fahrrad, Fahrkönnen und Streckenauswahl nicht zusammenpassen. Ich laufe bergab einfach viel zu viel. Am einfachsten lässt sich am Rad schrauben. Also habe ich inzwischen auch ein Fully und bin nach wenigen Fahrten schon überzeugt, dass ich damit viel leichter die Trails runterkomme und damit hoffentlich auch schwerere Passagen fahren kann. Einen Fahrtechnikkurs werde ich mir trotzdem noch mal gönnen und dann sehen wir mal, ob es nächstes Mal besser läuft.